Die Lust am Unvorhersagbaren - Ästhetisches Erleben von Neuer Musik

Neue Musik ist seit ihrer Entstehung von dem Vorwurf begleitet, schwer verständlich, wenn nicht gar unzugänglich zu sein. Und zum Nachpfeifen scheint sie noch viel weniger geeignet, auch wenn sich dies Arnold Schönberg einst gewünscht hatte. In der Tat steht sie der Ästhetik der klassisch tonalen Musik diametral gegenüber und exponiert sich durch Dissonanz, ihre partiell undurchdringbare Struktur und ihre unvorhersehbaren Verläufe. Dies stellt nicht nur für den ungeübten Hörer eine Herausforderung dar und dürfte einer der Gründe sein, warum Neue Musik in den letzten 100 Jahren mehr oder weniger ein Nischendasein fristete. Die Anhänger der Neuen Musik zeigen sich davon freilich unbeeindruckt und ihre Hartnäckigkeit, mit der sie der Musik treu bleiben, ist bemerkenswert. Diese Experten werden in diesem Projekt im Zentrum stehen.

Der hier verfolgte Ansatz dreht sich nämlich gerade nicht darum, wie schwer verständlich Neue Musik ist, sondern nimmt eine genau entgegengesetzte Perspektive ein, indem gefragt wird: Was ist das Faszinierende an Neuer Musik und aus welchen Gründen suchen Menschen Erlebnisse mit Neuer Musik? Worin besteht die sogenannte „ästhetische Lust“ und wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit den perzeptuell herausfordernden Eigenschaften im Rezeptionsprozess? In einer umfangreichen Interviewstudie mit Hörexperten Neuer Musik sollen Grundfragen des ästhetischen Erlebens beantwortet werden. Sowohl in Anlehnung an verschiedene Modelle ästhetischen Erlebens als auch in explorativer Art und Weise werden verschiedene Erlebnisdimensionen mithilfe von rund 20 Experteninterviews erforscht.

Ziel des Projektes ist zunächst das partielle Aufschlüsseln des scheinbar komplizierten und komplexen Rezeptionsprozesses. Des Weiteren soll eine Grundlage zur Hypothesenbildung über die Verarbeitung und den Genuss Neuer Musik generiert werden, um darauffolgende quantitative Studien in entsprechende Bahnen zu lenken. Nicht zuletzt soll die Modellbildung zum ästhetischen Erleben von Musik vorangetrieben werden, um mit diesen qualitativen Daten entweder bereits bestehende theoretische Konzepte zu bestätigen oder aber neue Dimensionen und Erlebnisqualitäten zu generieren und anschließend zu integrieren.