Schöne Stellen in Musik

Werden wir nach der Musik gefragt, die uns besonders berührt oder gefällt, und versuchen wir dies zu beschreiben, so taucht dabei sehr wahrscheinlich auch das Wort „schön“ auf. Wollen wir in aller Knappheit begründen, warum gerade dieses oder jenes uns begeistert, mag es als Antwort manchmal sogar genügen. Aber was ist damit gemeint, was kann überhaupt gemeint sein? Wo liegt das Schöne in der Musik?
Ausgehend von einem Wechselspiel zwischen klingendem Objekt und erlebendem Subjekt können angenehme Empfindungen während des Hörens „als Wirkung der Schönheit des Gehörten“ bewertet werden (Konrad, 2008). Keineswegs aber haben wir durchgehend gleichbleibende Empfindungen. Wir erleben den musikalischen Verlauf als ständige Aktualisierung des Unmittelbaren, eingebunden in eine Vielzahl von Beziehungen zu seiner Umgebung. Das einzelne Ereignis erfahren wir als gegenwärtig Erscheinendes im Verhältnis zu Vorangegangenem, in Erwartung auf Kommendes, in einer Struktur des Ganzen.
In diesem Prozess treten gelegentlich bestimmte musikalische Ereignisse besonders in den Vordergrund und wirken faszinierend bis absorbierend. So beschreibt Theodor W. Adorno (1965) solche schönen Stellen – trotz bekannter Kritik – als Einzelnes, durch nichts anderes Ersetzbares, an das man sich „ohne Vorbehalt“ verliert. Sei es eine harmonische Wendung, ein Melodieverlauf, Stimmeinsatz oder eine Klangfarbe, schöne Stellen zeigen sich dem Zuhörer in Phasen „verdichteter Wahrnehmung“, erhöhter Aufmerksamkeit und gesteigerter Hörlust (Konrad, 2008). Die physiologischen Reaktionen auf diese kognitiven und emotionalen Prozesse reichen dabei von leicht erhöhter Herzfrequenz bis zur Gänsehaut.
Darüber hinaus bedient sich die Beschreibung des Erlebens dieser Stellen und Momente oftmals einer sehr bildlichen und expressiven Sprache: „Ein Feuerwerk aus Licht und Glanz und purem C-Dur bricht aus, pünktlich stellen sich alle Nackenhaare auf. Die Welt ringsum ist versunken, oder sie fliegt an dieser Stelle in die Luft.“ (Büning, 2013)

Das interdisziplinäre Projekt Schöne Stellen in Musik untersucht die Verbindungslinien zwischen subjektivem ästhetischem Erleben, musikalisch-akustischen Eigenschaften und der Verbalisierung/Konzeptualisierung speziell dieser Stellen. Hierzu werden die Studienteilnehmer/innen in einem Labor-Experiment mittels peripher-physiologischer Messungen während des Hörens selbstgewählter Musik, die zuvor im Rahmen einer explorativen Vorstudie erhoben wird, untersucht.

Literatur

Adorno, Th. W. (1997). Schöne Stellen (1965). In R. Tiedemann (Hrsg.), Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 18., Musikalische Schriften V (S. 695-718). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Büning, E. (25.09.2013). Wagners schönste Stellen (23). „Siegfried“, dritter Aufzug, dritte Szene, Takte 265 ff.. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Abgerufen von http//www.faz.net

Konrad, U. (2008). Von den erogenen Zonen des Gehörs, oder: Schöne Stellen in der Musik. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Jg. 38, H. 152, 73-83.