Soziale Formation und kulturelle Variation von Musikästhetik

Die anthropologischen Grundlagen von Musikästhetik sind sozial und kulturell verfasst und stellen sich historisch jeweils anders dar: Die ästhetischen Beziehungen zwischen rezipierenden Subjekten und musikalischen Objekten bzw. Prozessen (Aufführungen, Werken, Medien) sind stets in sozial und kulturell geprägte Zusammenhänge eingebunden. Musikästhetische Kategorien werden im Rahmen kultureller Prozesse von sozialen Gruppen geformt, vermittelt, verhandelt, tradiert und gewandelt.

Dieser Forschungsbereich untersucht daher die Frage, inwieweit die evidente Diversität musikkultureller und soziomusikalischer Umwelten – das Zusammenspiel musikalischer Objekte, Prozesse, Praktiken und Institutionen – auch eine Variation der musikästhetischen Kategorien- und Urteilsbildung bedingt.
Dies geschieht einerseits mit geisteswissenschaftlichen (soziologischen, kulturwissenschaftlich-ethnologischen und historisch-philologischen) Methoden, andererseits im Einbezug empirischer Methoden der Psychologie und Neurowissenschaften.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung kulturell und sozial vergleichender empirischer Forschungsperspektiven und damit der systematischen Einbeziehung nicht-europäischer bzw. nicht-westlicher Musikformen in die empirische Forschung. Aktuelle, empirisch-experimentell gewonnene Theorien zur musikalischen Wahrnehmung und Musikästhetik sollen auf ihre soziale und kulturelle Reichweite und Verallgemeinerbarkeit hin überprüft und entsprechenden Modifikationen zugeführt werden, indem z.B. experimentelle Paradigmen aus der Psychologie ins musikethnologische Forschungsfeld eingebracht werden.

Aktuelle Projekte

Wir kennen sie aus jedem Konzert und begegnen ihnen als Beigabe zu jeder CD: die Programmhefttexte bzw. CD-Booklets. Sie informieren über das Werk, den Komponisten oder die Interpretation und bieten Hörhilfen an. Wir untersuchen den Einfluss, den diese Texte auf die Bewertung des Konzerts oder der CD nehmen und fragen, wie sie die Wahrnehmung von musikalischen Aspekten verändern. [mehr]

Um dem Phänomen des urbanen Musikhörens in England im 17. Jh. näher zu kommen, werden zeitgenössische Ego-Dokumente mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse empirisch erschlossen und ausgewertet. [mehr]

Vordergründig bewerben oder erläutern Vorreden den Gesangs- und Kompositionsstil der gedruckten Werksammlung. Das Projekt fragt darüberhinaus nach Aspekten der darin eingebetteten Konzeptualisierung von Sologesang um 1600, der sprachlichen Vermittlung der (idealen) Wirkung dieser Gattung sowie dem Erleben und Bewerten in der Aufführung. [mehr]

Während das Timing musikalischer Abläufe unendlich variiert, nehmen Menschen nur eine kleine Anzahl rhythmischer Kategorien wahr. Das Projekt überprüft die gängige Annahme, die Prototypen dieser Bausteine der Rhythmuswahrnehmung seien kulturübergreifend konstant. [mehr]

Unser Projekt untersucht die ästhetische Bewertung metrischer Timing-Patterns – ungerade „Swing-Timings“ der metrischen Grundschlagsunterteilung –  verschiedener afrikanischer und afrikanisch-diasporischer Musikstile. [mehr]

Wenn wir Musik hören, kommt es uns manchmal so vor, als würde sie dafür sorgen, dass wir uns stärker und selbstbewusster fühlen. Aber welche Musik erlaubt diese Erlebnisse und welche psychologischen Prozesse und Mechanismen liegen ihnen zu Grunde? [mehr]

Gegenstand des Projektes ist die Form und Funktion der Sprache bei der Verbalisierung ästhetischen Erlebens von Musik, deren Eigenschaften oder Qualitäten. Anhand von Textkorpora aus Musikästhetik, -presse und Online-Foren soll der Frage nachgegangen werden, welche sprachlichen Konzepte, Kategorien und diskursiven Faktoren hierbei wirksam sind. [mehr]

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die Fragen, wie europäische Musik und Klänge von frühneuzeitlichen Missionaren in Lateinamerika zwischen 1523 und 1767 eingesetzt wurden, wie sie darüber berichteten und welche Konsequenzen dies auf europäische Diskurse und Praktiken hatte. [mehr]

Das Projekt untersucht die Performanz und ästhetische Bewertung von Graden, Mustern und Prozessen der Ensemble-Synchronisation in westafrikanischen sowie afrikanisch-diasporischen Perkussions- und Rhythmusgruppen. [mehr]

Das Projekt „Wirkungsästhetik der Liturgie“ (WæL) beschäftigt sich mit Wirkung und Gestaltungen ästhetischer Praktiken, Performanzen und Objekte in der soziokulturellen Rahmung religiöser Ritualisierung anhand römisch-katholischer Gottesdienste  [mehr]