Musikhören als Erleben und Bewerten von Musik im urbanen England des späten 17. Jahrhunderts

Das Projekt setzt zur Mitte des 17. Jahrhunderts ein, in einer Zeit, in der sich Musik, aufgrund des Verbots der meisten öffentlichen Darbietungen, eine wichtige Position im häuslichen Leben und damit auch im Alltag der Stadtbewohner erarbeitet hatte. Diese Stellung im Privaten erweiterte und vervielfältigte sich mit der Wiedereinführung der Monarchie und der damit verbundenen Wiederaufnahme öffentlicher Darbietungskultur ab 1660 sprungartig auch für den öffentlichen Raum. Die Kommerzialisierung von Musik z. B. durch den Musiknotendruck und die Einführung von Konzerten ermöglichte immer mehr Musikbegeisterten den Zugang auch zu akustischen Angeboten von Musik.

Es ist der zunehmenden Alphabetisierung und Emanzipation der Middle Class zu verdanken sowie dem ausgeprägten Bedürfnis Einzelner, ihr Leben in irgendeiner Form schriftlich zu dokumentieren, dass uns eine Vielzahl meist kurzer Berichte von Musikhör-Erlebnissen erhalten sind. Darauf aufbauend werden in diesem Projekt Berichte aus den Tagebüchern von Samuel Pepys, John Evelyn sowie Anthony Wood mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse empirisch erschlossen und ausgewertet. Vergleichend werden dazu auch die Musikdrucke John Playfords herangezogen, aus denen normative Kriterien für die Aufgaben, Fähigkeiten und Verhaltensweisen von Hörern herausgearbeitet werden. Welche Aspekte der Hör-Erlebnisse ihren Weg aufs Papier fanden, welche Bedeutung sich für das Musikhören über die Identifikation von Aspekten wie Länge, Häufigkeit und Ausgestaltung der Einträge rekonstruieren lassen – diesen und weiteren Fragen wird in dem Projekt nachgegangen. Das Ziel ist es, sprachliche Konventionen und die Bildung ästhetischer Kategorien bei der Verschriftlichung von Musikhör-Erlebnissen aufzudecken und so neue Erkenntnisse über das Musikhören im 17. Jahrhundert zu sammeln.
Damit schließt das Projekt an die Forschung über die Geschichte des Musikhörens an, die sich jedoch in vielen Fällen zunächst auf das Musikhören im klassischen Konzertkontext konzentriert und damit erst im 18. Jahrhundert einsetzt. Das 17. Jahrhundert ist in der aktuellen Forschung noch unterrepräsentiert.