Gen-Umwelt-Wechselwirkung im musikalischen Arbeitsgedächtnis

Musik ist universell, doch musikalische Interessen, musikalisches Engagement und musikalische Fähigkeiten variieren stark. Wissenschaftliche Studien über Musiker:innen haben in den letzten Jahrzehnten unser Wissen über das menschliche Gehirn und seine beeindruckende Fähigkeit, neue Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben, deutlich erweitert. So haben beispielsweise Zwillingsstudien zum musikalischen Engagement in den letzten Jahren wichtige Durchbrüche im Verständnis der Abhängigkeit des Kompetenzerwerbs vom Zusammenspiel unserer Gene und der Umwelt erzielt. Über das Zusammenspiel von Genen und Umwelt (GE), das beim professionellen musikalischen Können involviert ist, ist jedoch noch wenig bekannt. Auch die molekulargenetische Musikforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Dieses Projekt zielt darauf ab, diese Wissenslücke zu schließen, indem es eine gründliche genetische Charakterisierung des musikalischen Arbeitsgedächtnisses (AG) und anderer musikbezogener Aspekte vornimmt und genetische und phänotypische Daten von erfahrenen Musiker:innen verknüpft.

 

Wir werden:

  • Eine Musiker:innendatenbank mit phänotypischen Daten zu musikbezogenem Verhalten (Arbeitsgedächtnis, musikalische Leistung, Lampenfieber) und Genotypinformationen erstellen. Wir werden professionelle Musiker:innen, die an Neurale Mechanismen des musikalischen Arbeitsgedächtnisses teilnehmen, einladen, eine kurze Umfrage auszufüllen und ihren Speichel für die Genotypisierung zu spenden. Wir sammeln Speichelproben und liefern sie sicher in die Biobank des Karolinska Institute (KI) in Stockholm, wo sie zur DNA-Extraktion und Genotypisierung gelagert werden. Anschließend werden die abgeleiteten Variablen (z. B. Polygenetischer Score) im Rahmen der bestehenden Datenübertragungsvereinbarung zwischen KI und MPIEA zur Analyse an das MPIEA zurückgesendet. Zu den phänotypischen Daten gehören Selbstauskünfte zu Musikpraxis und -erfolg (Creative Achievement Questionnaire; Carson et al., 2005), Persönlichkeit (Big Five Inventory, John et al., 1991), Leistungsangst (Kenny Music Performance Anxiety Inventory – K-MPAI; Chang-Arana et al., 2018), Arbeitsdruck (Achievement Pressure Scale), generalisierter Angststörung (GAD-7; Spitzer et al., 2006) und Flow-Neigung (General Flow Proneness Scale; Elnes et al., 2023).
  • Die im Rahmen der Verhaltenscharakterisierung des musikalischen Arbeitsgedächtnisses entwickelten und validierten CAT-Paradigmen des auditiven Arbeitsgedächtnisses an einer Kohorte von Teilnehmer:innen des schwedischen Zwillingsregisters an, das vom Karolinska-Institut verwaltet wird.

 

Dies ermöglicht uns:

  • Die Überprüfung einer Reihe von Hypothesen zum Zusammenspiel von genetischen und Umweltfaktoren (GE-Interaktion) im Zusammenhang mit professioneller musikalischer Expertise anhand von Analysen auf Basis polygenetischer Scores (PGS). Dabei untersuchen wir, ob genetische Prädispositionen für Merkmale, die mit musikalischem Engagement auf niedrigeren Kompetenzstufen zusammenhängen, auch den beruflichen Erfolg und die Fähigkeit des musikalischen Arbeitsgedächtnisses beeinflussen. Darüber hinaus analysieren wir das Zusammenspiel genetischer und umweltbezogener Einflüsse im Hinblick auf Auftrittsangst (Performance Anxiety, PA), mit besonderem Fokus auf das Zusammenwirken genetischer Risikofaktoren und bekannter Schutzfaktoren.
  • einen Beitrag zu genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) zur Musikalität zu leisten: In einer kürzlich durchgeführten kollaborativen Studie haben wir die erste GWAS zu einem musikalischen Phänotyp realisiert. Allerdings ist hohe musikalische Expertise in den bisher existierenden Kohorten nur unzureichend vertreten – ein deutliches Limit dieser GWAS, da das untersuchte Merkmal hauptsächlich zwischen niedrigen Kompetenzniveaus differenziert. Die in der vorliegenden Studie erhobenen Daten schließen diese Lücke und werden die Aussagekraft zukünftiger GWAS erheblich stärken.

Referenzen

Carson, S. H., Peterson, J. B., & Higgins, D. M. (2005). Reliability, validity, and factor structure of the creative achievement questionnaire. Creativity Research Journal, 17(1), 37–50.
https://doi.org/10.1207/s15326934crj1701_4

Chang-Arana, Á. M., Kenny, D. T., & Burga-León, A. A. (2018). Validation of the Kenny Music Performance Anxiety Inventory (K-MPAI): A cross-cultural confirmation of its factorial structure. Psychology of Music, 46(4), 551–567.
https://doi.org/10.1177/03057356177176

Elnes, M., & Sigmundsson, H. (2023). The general flow proneness scale: Aspects of reliability and validity of a new 13-item scale assessing flow. SAGE Open, 13(1), 21582440231153850.
https://doi.org/10.1177/21582440231153850

John, O. P., Donahue, E. M., & Kentle, R. L. (1991). Big Five Inventory (BFI) [Database record]. APA PsycTests.
https://doi.org/10.1037/t07550-000

Spitzer, R. L., Kroenke, K., Williams, J. B., & Löwe, B. (2006). A brief measure for assessing generalized anxiety disorder: The GAD-7. Archives of Internal Medicine, 166(10), 1092–1097.
https://doi.org/10.1001/archinte.166.10.1092