Verhaltensbezogene Charakterisierung des musikalischen Arbeitsgedächtnisses

Im Rahmen einer umfassenden Längsschnittstudie sollen die Verhaltensmerkmale des musikalischen Arbeitsgedächtnisses (AG) systematisch erfasst werden. Musiker:innen und Nicht-Musiker:innen absolvieren dabei 17 Varianten einer verzögerten Vergleichsaufgabe (Delayed-Match-to-Sample): Den Teilnehmenden wird jeweils ein Paar von Melodien präsentiert, und sie müssen entscheiden, ob die beiden Melodien identisch sind. Die variierenden Aufgaben erfassen entweder einfaches Behalten im AG oder die Manipulation von Inhalten (z. B. Umkehrung der Melodie), jeweils unter Einwirkung von Störreizen aus derselben (ipsimodalen) oder einer anderen (allomodalen) Sinnesmodalität und sowohl im auditiven als auch im visuellen Modus. Jede dieser acht Grundaufgaben wird zusätzlich mit Buchstabenfolgen durchgeführt, die den ursprünglichen Melodien zugeordnet sind. Ziel ist es, die Auswirkungen domänenspezifischer Reize zu testen – insgesamt ergeben sich so 16 verschiedene Aufgaben. Eine zusätzliche Aufgabe mit visuellen Polar-Darstellungen der Melodien erlaubt den Vergleich zwischen dynamischen und statischen visuellen Reizen.

Die Erhebung innerhalb derselben Versuchspersonen über alle Experimente hinweg ermöglicht eine differenzierte Analyse der Einflussfaktoren: AG-Typ (Behalten vs. Manipulation), Art der Störreize (ipsimodal vs. allomodal), sensorische Modalität (auditiv vs. visuell) und Reiztyp (Melodien vs. Buchstabenfolgen) – sowohl auf individueller als auch auf Gruppenebene.

 

Mit dieser Herangehensweise können spezifische Hypothesen überprüft werden, wie zum Beispiel:

  • Expert:innen verfügen über eine größere AG-Kapazität und Manipulationsfähigkeit bei domänenspezifischen Reizen. Erste Ergebnisse bestätigen unsere Annahme: Musiker:innen schneiden in allen musikalischen Aufgaben besser ab als Nicht-Musiker:innen, zeigen jedoch vergleichbare Leistungen bei nicht-musikalischen Aufgaben mit dynamischen oder statischen Reizen. Darüber hinaus korreliert der Schwierigkeitsgrad der musikalischen Aufgaben bei Musiker:innen stärker untereinander, während bei Nicht-Musiker:innen die Schwierigkeiten musikalischer und nicht-musikalischer Aufgaben stärker miteinander korrelieren. Dies deutet auf einen speziellen AG-Mechanismus hin, der bei Musiker:innen besonders ausgeprägt ist.
  • Expert:innen nutzen multimodale Repräsentationen domänenspezifischer Reize. Vorläufige Daten zeigen, dass sich der Einfluss der Aufgabentypen auf die Leistung nicht signifikant zwischen den Gruppen unterscheidet. Ein Leistungsvorteil von Musiker:innen bei auditiver Behaltensleistung mit visuellen Störreizen könnte jedoch auf eine robustere multisensorische Integration sequentieller Reize bei Musiker:innen hinweisen.


Alle Paradigmen werden online über PsyNet implementiert – eine institutseigene experimentelle Plattform für psychologische Forschung. Die Daten der gesunden erwachsenen Musiker:innen werden über CAP Recruiter erhoben – ein internes Rekrutierungssystem, das auf spezielle Zielgruppen (in diesem Fall professionelle Musiker:innen) ausgerichtet ist. Die Daten der Nicht-Musiker:innen stammen von Prolific und sind repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung.

Zur Analyse kommt die Item-Response-Theorie (IRT; Mellenbergh, 1994) zum Einsatz, die eine verlässliche Einschätzung der Item-Schwierigkeit und der individuellen Fähigkeit erlaubt – und zwar generalisierbar über Teilnehmende, experimentelle Bedingungen und wissenschaftliche Zugänge hinweg. Wir nutzen die psychometrischen Eigenschaften dieser Maße, um geeignete Reize für Folgeuntersuchungen auszuwählen und ein Computer Adaptive Testing (CAT; Meijer et al., 1994) im Treppenparadigma für künftige Studien zu entwickeln. Abschließend validieren wir unser Paradigma anhand standardisierter Maße des musikalischen und allgemeinen Arbeitsgedächtnisses.

Referenzen

Meijer, R. R., & Nering, M. L. (1999). Computerized adaptive testing: Overview and introduction. Applied Psychological Measurement, 23(3), 187–194.

Mellenbergh, G. J. (1994). Generalized linear item response theory. Psychological Bulletin, 115(2), 300.