Die Abteilung Musik

Ziele

Der Schwerpunkt der Abteilung Musik liegt auf der Entwicklung multi-methodischer, dezidiert interdisziplinärer Forschungsdesigns im Schnittpunkt von Geistes- und Naturwissenschaften, um neue Antworten auf alte Fragen zu finden: Was ist Musik, weshalb machen Menschen Musik und was erleben sie durch sie? Im Rahmen einer empirischen Ästhetik stehen dabei besonders die Themenbereiche von Produktion und Rezeption, also vom Machen, Wahrnehmen, Verarbeiten, Erleben, Verstehen und Bewerten von Musik im Vordergrund. Der Gegenstand Musik in seinen kulturellen, sozialen und historischen Bedingtheiten und Erscheinungsweisen spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Rezipienten selbst.

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Dazu sollen die teilweise weit voneinander entfernt operierenden historisch-ästhetischen, theoretischen, pädagogischen, soziologischen, ethnologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Bereiche der Musikforschung in ihren Ergebnissen und Fragestellungen konsequent aufeinander bezogen werden, um so einen Dialog über die Möglichkeiten, Zuständigkeitsbereiche und Grenzen der verschiedenen Methoden und Modelle zu etablieren.

Geschichte

Systematisch-empirische Ansätze haben in der Musikforschung und gerade innerhalb der Disziplin Musikwissenschaft eine lange Tradition und sind von geradezu identitätsstiftender Bedeutung. Bereits der Gründungsmythos der Musikforschung kreist um einen Akt empirischer Ästhetik: Pythagoras soll im Zusammenklang einiger Hämmer in einer Schmiede die auch damals schon als schöngeltenden Konsonanzen wiedererkannt und sich nach dem Grund für ihr Zustandekommen gefragt haben. Durch Messungen in der Schmiede selbst und weitere Überprüfungen zu Hause habe er entdeckt, dass musikalischen Intervallen Verhältnisse natürlicher Zahlen zugrunde liegen und der Grad des Wohlklangs direkt mit der Einfachheit der Verhältnisse korreliert: Objekt- und Wirkungsästhetik in einem. Seitdem hat die ästhetische Spekulation über Musik und die sie bestimmenden Gesetzmäßigkeiten nie von der Mathematik bzw. – ab der frühen Neuzeit – von der Physik absehen mögen.

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Das „Naturgesetz“ musikalischer Schönheit stand Pate für viele ästhetische Theorien bis hin zu Fechners Grundkriterien ästhetischen Wohlgefallens. Erst die zunehmende Bekanntschaft mit außereuropäischen Tonsystemen, aber auch die Erweiterung des musikhistorischen Horizonts sowie die Tabubrüche der Neuen Musik erschütterten den Glauben an die Alternativlosigkeit des westlichen Dur-Moll-Systems nachhaltig. Erkenntnisse über die primär soziokulturellen Bedingungen des Geschmacks trugen ebenfalls dazu bei, dass die Suche nach biologisch begründeten Gesetzmäßigkeiten von der Konstatierung von Differenzen und Veränderlichkeiten abgelöst wurde, in deren Zuge fast aus dem Blick geriet, inwiefern sich diese Vielfalt von Phänomenen überhaupt unter den – freilich eurozentrischen – Begriff „Musik“ bringen ließe.

Forschung

In ihrer Gründungsphase wird die Musik-Abteilung besonders die Bereiche „Erleben“ und „Bewerten“ in den Blick nehmen. Im Sinne ästhetischer Grundlagenforschung werden dabei existierende Modelle und Methoden gesichtet, evaluiert und weitergeführt sowie neue Konzepte und Instrumente entwickelt und getestet. Individuelle Projekte der Mitarbeiter/innen und in interdisziplinären Teams bearbeitete Vorhaben ergänzen sich in den unten aufgeführten Forschungsbereichen strukturell und inhaltlich.

Das Team ist interdisziplinär zusammengesetzt: Neben Vertretern der historischen und systematischen Musikwissenschaft sowie Musikethnologie wirken hier Musiksoziologen, experimentelle Psychologen, Neurowissenschaftler sowie ein Linguist und eine Musiktherapeutin zusammen. Jenseits des Instituts bestehen überdies Kontakte zu Musikpädagogen, Musiktheoretikern. Zudem pflegt die Abteilung den Kontakt mit den Frankfurter Institutionen des Musiklebens, v.a. der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, dem Ensemble Modern / Internationale Ensemble Modern Akademie, der Museumsgesellschaft und der Alten Oper.

Forschungsbereiche

Theoretische und methodische Grundlagen der empirischen Musikästhetik

Für die Formulierung integrativer Ansätze soll im Rahmen dieses Forschungsbereiches theoretische Grundlagenarbeit geleistet werden, die in der Entwicklung von Methoden und Werkzeugen mündet. Hierbei sollen disziplinspezifische Anforderungen mit dem Anspruch einer breiten Anschlussfähigkeit verbunden werden. [mehr]

Musikalischer Geschmack und geschmacksbezogenes Verhalten

Verschiedenen Menschen gefällt Verschiedenes. Solche interindividuellen Unterschiede von Gefallensurteilen zu Musik werden wesentlich durch den Musikgeschmack mitbestimmt. Dessen Entstehung, umfassende Konzeptualisierung und Einflüsse auf das musikbezogene Erleben und Verhalten stehen im Mittelpunkt dieses Forschungsbereichs. [mehr]

Lexikon der musikalischen Schriften

Das Lexikon wird in drei Bänden ein Textkorpus musiktheoretischer und -ästhetischer Schriften seit der Antike erschließen, aufbereiten und kommentieren. Eine Besonderheit des Projektes besteht darin, dass hier erstmals auch Texttypen bedacht werden, die weit über den üblichen Kanon in lexikalischen oder enzyklopädischen Publikationen hinausreichen, soweit sie musikästhetisch relevante Fragestellungen beinhalten. [mehr]

Soziale Formation und kulturelle Variation von Musikästhetik

In diesem Forschungsbereich steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit die evidente Diversität musikkultureller und soziomusikalischer Umwelten – das Zusammenspiel musikalischer Objekte, Prozesse, Praktiken und Institutionen – auch eine Variation der musikästhetischen Kategorienbildung bedingt. Ein Fokus liegt auch auf außereuropäischen Musikkulturen. [mehr]

Konzertforschung

Der Forschungsbereich untersucht Formen des Konzerts; die zeitgenössische Praxis des klassischen Konzerts steht dabei im Mittelpunkt. Drei Fragen stehen im Zentrum der Untersuchungen: Wie verändert die Konzertsituation das musikalische Erleben von Musikern und Publikum? Wie funktioniert die Kommunikation zwischen den Anwesenden im Konzert und welche Rolle spielt das musicking des Publikums? [mehr]

Geschichte der deutschsprachigen Musikwissenschaft

Geplant ist eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte der institutionalisierten deutschsprachigen Musikwissenschaft an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen anhand der Perspektiven auf Personen, Institutionen, Medien, Themen und Methoden. [mehr]

Neueste Publikationen

Lange, E.B., Pieczykolan, A., Trukenbrod, H.A., & Huestegge, L. (2018). The rhythm of cognition – Effects of an auditory beat on oculomotor control in reading and sequential scanning. Journal of Eye Movement Research, 11(2):9. DOI: 10.16910/jemr.11.2.9

Polak, R., Jacoby, N., Fischinger, T., Goldberg, D., Holzapfel, A., & London, J. (2018). Rhythmic Prototypes Across Cultures: A Comparative Study of Tapping Synchronization. Music Perception, 36(1), 1–23.
DOI: 10.1525/mp.2018.36.1.

Wald-Fuhrmann, M., Toelle, J., & Seibert, Ch. (2018). Live und interaktiv: ästhetisches Erleben im Konzert als Gegenstand empirischer Forschung. In M. Tröndle (Ed.),Das Konzert II Beiträge zum Forschungsfeld der Concert Studies Martin Tröndle (pp. 425-447).Bielefeld: transkript.

Kaufmann, M. (2018). The Nymph's Voice as an Acoustic Reflection of the Self. In K. A. E. Enenkel & A. Traninger (Eds.), The Figure of the Nymph in Early Modern Culture. (pp. 396–418). Leiden; Boston: Brill (Intersections 54).

Toelle, J. (2018). Mission Soundscapes: Demons, Jesuits and Sounds in Antonio Ruiz de Montoya's Conquista Espiritual (1639). In D. Hacke/ P. Musselwhite (eds.), Empire of the Senses: Sensory Practices and Modes of Perception in the Atlantic World (pp. 67-87), Leiden: Brill.

Cohrdes, C., Wrzus, C., Wald-Fuhrmann, M., & Riediger, M. (2018). „The sound of affect”: Age differences in perceiving valence and arousal in music and their relation to music characteristics and momentary mood. Musicae Scientiae. 1-23. 2018.DOI: 10.1177/1029864918765613

Greb, F., Steffens, J., & Schlotz, W. (2018). Understanding music-selection behavior via statistical learning: Using the percentile-Lasso to identify the most important factors. Music & Science, 1. DOI:10.1177/2059204318755950