Ästhetisches Erleben von Musik: Dimensionen, Qualitäten und Messbarkeit

Ob überhaupt und wenn ja, wie das ästhetische Erleben von Musik sinnvoll gemessen werden kann und welche Art von Erkenntnisgewinn solche Messungen erlauben, ist die wohl kontroverseste Frage in Bezug auf die empirische Ästhetik. Zwischen philosophischen Konzepten und literarisierten oder autobiographischen Beschreibungen ästhetischer Erfahrungen einerseits und typischen empirischen Messungen andererseits scheint sich ein fast unüberbrückbarer Graben aufzutun.

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Zwischen diesen beiden Polen zu vermitteln und somit auch die Debatten um die Berechtigung und Möglichkeiten einer empirischen Ästhetik weiterzuführen, sehen wir als eine der herausragenden Chancen und Aufgaben eines transdisziplinären Instituts wie des unseren an. Konzeptuell gehen wir diese Herausforderung an, indem wir ein psychologisches Konstrukt des ästhetischen Erlebens anstreben, das auch den Beschreibungen und Interessen der ästhetischen und geisteswissenschaftlichen Ansätze entgegenkommt. Das heißt für uns v.a. ein Konstrukt, das den phänomenalen, sich zeitlich entfaltenden Zustand des ästhetischen Erlebens selbst in den Mittelpunkt stellt und nicht primär seine Outputs (Liking, induced emotion) oder dessen Korrelate (etwa psychophysisches Arousal als Korrelat des Mögens). Zugleich forschen wir auch auf Grundlage einer großen Vielfalt an historischen und zeitgenössischen Textdokumenten musikalischen Erlebens.

 

Forschungsprojekte

Schöne Stellen in Musik

Werden wir nach der Musik gefragt, die uns besonders berührt oder gefällt, und versuchen wir dies zu beschreiben, so taucht dabei sehr wahrscheinlich das Wort „schön“ auf. Wollen wir in aller Knappheit begründen, warum gerade dieses oder jenes uns begeistert, mag es als Antwort sogar genügen. Aber was kann damit gemeint sein? Wo liegt das Schöne in der Musik?

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Ästhetische Absorption

Im Kontext der Rezeption von Kunst bezeichnet Absorption einen Zustand des gänzlichen Aufgehens in der Kunstrezeption und wird subjektiv typischerweise als eine besonders intensive und lustvolle Form des ästhetischen Erlebens beurteilt. Wir untersuchen ästhetische Absorption mittels zweier Ansätze...

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Zum Unterschied des wahrgenommenen musikalischen Ausdrucks und des ausgelösten Gefühls beim Musikhören

In diesem Projekt untersuchen wir die physiologischen und neuronalen Korrelate des wahrgenommenen musikalischen Ausdrucks und des ausgelösten Gefühls beim Musikhören im Vergleich zueinander. Die Annahme, dass diese beiden Phänomene kongruent seien, stellte seit der Begründung dieses Diskurses durch Platon und Aristoteles eines der Fundamente der Musikästhetik und -pädagogik dar.

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Musikalische Bewegung: Die Erfahrung und Ästhetik von Bewegung in der südindischen Raga-Musik

Die Verbindung von Musik und Bewegung kann im täglichen Leben beobachtet werden: Zum Beispiel bei der Neigung von Menschen, sich zu Musik zu bewegen und Bewegungsbegriffe zu verwenden, wenn über Musik gesprochen wird. Als Reaktion darauf haben Musikwissenschaftler und Philosophen das Phänomen der "musikalischen Bewegung" theoretisiert: Das Gefühl von Bewegung beim Hören von Musik.

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Die Lust an Neuer Musik

In diesem Projekt wird untersucht, welche Mechanismen hinter der Wertschätzung von Neuer und zeitgenössischer Musik stecken. Da es sich bei diesem Stil oftmals um Musik handelt, die viel Dissonanz enthält, oft atonal ist und der kein regelmäßigen Metrum zugrunde liegt, stellt sie vor allem für ungeübte Hörer eine Herausforderung dar.

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Musikalische Schlüsselerlebnisse

Die Herausbildung des persönlichen Musikgeschmacks wird meist als ein langfristiger Prozess der Enkulturation und Sozialisation beschrieben. Doch berichten Personen auch immer wieder von herausragenden Einzelereignissen, die ihren Musikgeschmack grundlegend verändert, erweitert oder umorientiert haben.

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Formenlehren und Formverstehen von Musik

Die Form eines Musikstückes gilt seit dem 18. Jahrhundert als zentrale Kategorie für die Bewertung von Kompositionen. Die „Formenlehre“ hat sich über die Kompositionslehre hinaus zu einem eigenständigen Fach entwickelt. In dieser Disziplin wird nicht nur die Anordnung musikalischen Materials verhandelt, sondern auch deren Bedeutung für den Hörer.

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Disliked Music – Abgelehnte Musik

In westlichen Kulturen ist der Musikgeschmack als eine Einstellung oder verfestigte Meinung zu Musik ein wichtiger Faktor des Selbstkonzeptes und der Selbstwahrnehmung. Als affektives und expressives Medium dient Musik dabei nicht nur der Befriedigung emotionaler und sozialer Bedürfnisse, sondern ist in seiner individuellen Ausprägung von gemochter oder abgelehnter Musik auch ein Mittel zur Konstruktion und Bestätigung der eigenen Identität.

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Publikationen

Vroegh, T. P., Wiesmann, S. L., Henschke, S., & Lange, E. B. (2021). Manual motor reaction while being absorbed into popular music. Consciousness and Cognition, 89: 103088. doi:10.1016/j.concog.2021.103088.

Lange, E. B., Thiele, D., & Kuijpers, M. M. (2020). Narrative aesthetic absorption in audiobooks is predicted by blink rate and acoustic features. Psychology of Aesthetics, Creativity and the Arts. Advance online publication. doi: 10.1037/aca0000321

Merrill, J., & Ackermann, T. (2020). “Like static noise in a beautiful landscape”: A mixed-methods approach to rationales and features of disliked voices in popular music (Advance online publication). Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts.doi:10.1037/aca0000376.

Hamilton, A., & Pearson, L. (Eds.). (2020). The aesthetics of imperfection in music and the arts: Spontaneity, flaws and the unfinished. London: Bloomsbury Academic.

Grüny, C. (2020). Grenzen des Rationalen: Klang und Theorie. In B. Giesecke von Bergh, & V. Helbing (Eds.), ›Klang‹. Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie: 16. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) (pp. 15-35). doi:10.31751/p.1.

Roeske, T. C., Larrouy-Maestri, P., Sakamoto, Y., & Poeppel, D. (2020). Listening to birdsong reveals basic features of rate perception and aesthetic judgements. Proceedings of the Royal Society of London. Series B: Biological Sciences (London), 287(1923): 20193010. doi:10.1098/rspb.2019.3010.

Schlotz, W., Wallot, S., Omigie, D., Masucci, M. D., Hoelzmann, S. C., & Vessel, E. A. (2020). The Aesthetic Responsiveness Assessment (AReA): A screening tool to assess individual differences in responsiveness to art in English and German (Online First Posting). Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. doi:10.1037/aca0000348

Wald-Fuhrmann, M. (2020). Musik und Melancholie. Mit einer Anwendung auf Händels L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato. Göttinger Händel-Beiträge: Jahrbuch/Yearbook 2020, 21, 7-32.

Omigie, D., Lehongre, K., Navarro, V., Adam, C., & Samson, S. (2020). Neuro-oscillatory tracking of low- and high-level musico-acoustic features during naturalistic music listening: Insights from an intracranial electroencephalography study. Psychomusicology, 30(1), 37-51. doi:10.1037/pmu0000249.

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Omigie, D., Frieler, K., Bär, C., Muralikrishnan, R., Wald-Fuhrmann, M., & Fischinger, T. (2019). Experiencing musical beauty: Emotional subtypes and their physiological and musico-acoustic correlates. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. Advance online publication. doi:10.1037/aca0000271

Merrill, J. (2019). Stimmen – schön schrecklich oder schrecklich schön?: Beschreibung, Bewertung und Wirkung des vokalen Ausdrucks in der Musik. Kassel: Kassel University Press. doi:10.19211/KUP9783737650878.

Ackermann, T. (2019). Disliked music: Merkmale, Gründe und Funktionen abgelehnter Musik (PhD Thesis, kassel university press, Kassel, 2019). doi:10.19211/KUP9783737650885.

Vroegh, T. P. (2019). Zoning-in or tuning-in? Identifying distinct absorption states in response to music. Psychomusicology: Music, Mind, and Brain, 29(2-3), 156-170. doi:10.1037/pmu0000241.

Mencke, I., Omigie, D., Wald-Fuhrmann, M., & Brattico, E. (2019). Atonal Music: Can Uncertainty Lead to Pleasure? Frontiers in Neuroscience, 12, 979. doi:10.3389/fnins.2018.00979/full

Omigie, D., Pearce, M., Lehongre, K., Hasboun, D., Navarro, V., Adam, C., & Samson, S. (2019). Intracranial recordings and computational modeling of music reveal the time course of prediction error signaling in frontal and temporal cortices. Journal of Cognitive Neuroscience, 31(6), 855-873. doi:10.1162/jocn_a_01388.

Akkermans, J., Schapiro, R., Mullensiefen, D., Jakubowski, K., Shanahan, D., Baker, D., Busch, V., Lothwesen, K., Elvers, P., Fischinger, T., Schlemmer, K., & Frieler, K. (2019). Decoding emotions in expressive music performances: A multi-lab replication and extension study. Cognition & Emotion, 33(6), 1099-1118. doi:10.1080/02699931.2018.1541312.

Fink, L., Lange, E.B., & Janata, P. (2018).The pupil entrains to prominent periodicities in music. 15th International Conference on Music Perception and Cognition (ICMPC), Graz, Austria.

Elvers, P., Fischinger, T., & Steffens, J. (2018). Music listening as self-enhancement: Effects of empowering music on momentary explicit and implicit self-esteem. Psychology of Music, 46(3), 307-325. doi:10.1177/0305735617707354.

Fink, L. K., Lange, E. B., & Groner, R. (2018). The application of eye-tracking in music research. Journal of Eye Movement Research, 11(2): 1. doi:10.16910/jemr.11.2.1.

Lange, E. B., & Frieler, K. (2018). Challenges and opportunities of predicting musical emotions with perceptual and automatized features. Music Perception, 36(2), 217-242. doi:10.1525/MP.2018.36.2.217.

Vroegh, T. P. (2018). The pleasures of getting into the music: Absorption, and its role in the aesthetic appreciation of music. PhD Thesis, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt.

Kuijpers, M.& Lange, E.B. (2017). Experiencing audiobooks: The effects of microsaccade and blink rate 19th European Conference on Eye Movements (ECEM), Wuppertal, Germany.

Wiesecke, J. (2017). Samuel Pepys and his experiences of music at Restoration theatres. In H. Barlow, & D. Rowland (Eds.), Listening to music: People, practices and experiences. Retrieved from http://ledbooks.org/proceedings2017/#sec_245_h1

Lange, E.B., Zweck, F., & Sinn, P. (2017). Microsaccade-rate indicates absorption by music listening. Consciousness and Cognition, 55, 59-78.doi:10.1016/j.concog.2017.07.009

Frieler, K., & Lange, E. B. (2017). Chancen und Risiken des Computereinsatzes in der Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie, 27, 187-191.

Kaufmann, M. (2017). Tränen und Drama: Domenico Mazzocchis musikalische Inszenierung der Klage. Die Tonkunst: Magazin für klassische Musik und Musikwissenschaft, 11(2), 185-195.

Wald-Fuhrmann, M. (2017). Ursprungsmythen als Wesensbestimmungen in der Musik. In S. Wegner (Ed.), Über den Ursprung von Musik: Mythen, Legenden und Geschichtsschreibungen (pp. 39-48). Würzburg: Königshausen & Neumann.

Steffens, J., Greb, F., & Schlotz, W. (2016). Why listen to music right now?: Towards an inventory measuring the functions of music listening under situational influences. In Proceedings of the 14th International Conference on Music Perception and Cognition (pp. 842).

Omigie, D. (2016). Basic, specific, mechanistic? Conceptualizing musical emotions in the brain. Journal of Comparative Neurology. Special Issue: Brain Circuits of Positive Emotions, 524(8), 1676-1686. doi:10.1002/cne.23854.

Lindau, A., Seibert, C., Greb, F., & Wald-Fuhrmann, M. (2016). The ArtLab of the Max Plank Institute for Empirical Aesthetics: Technical conception and envisaged research questions. In M. Vorländer, & J. Fels (Eds.), Fortschritte der Akustik: Tagungsband der 42. Jahrestagung für Akustik DAGA.

Seibert, C. (2016). Musik und Affektivität: Systemtheoretische Perspektiven für eine transdisziplinäre Musikforschung. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Omigie, D., Dellacherie, D., Hasboun, D., Clément, S., Baulac, M., Adam, C., & Samson, S. (2015). Intracranial markers of emotional valence processing and judgments in music. Cognitive Neuroscience, 6(1), 16-23. doi:10.1080/17588928.2014.988131.

Bär, C. (2014). Verbalization of music and sound between poeticity and aesthetic evaluation. In A. Kozbelt (Ed.), Proceedings of the Twenty-third Biennial Congress of the International Association of Empirical Aesthetics (pp. 78-84).

Wald-Fuhrmann, M. (2013). Musik und Subjektivität. In M. Calella, & N. Urbanek (Eds.), Historische Musikwissenschaft: Grundlagen und Perspektiven (pp. 289-306). Stuttgart: J. B. Metzler.