Ästhetische Absorption

„...so zieht uns das musikalische Kunstwerk ganz in sich hinein und trägt uns mit sich fort“

Hegel, Vorlesungen zur Ästhetik, 1835-38

 

Im Kontext der Rezeption von Kunst bezeichnet Absorption einen Zustand des gänzlichen Aufgehens in der Kunstrezeption und wird subjektiv typischerweise als eine besonders intensive und lustvolle Form des ästhetischen Erlebens beurteilt. Wir untersuchen ästhetische Absorption mittels zweier Ansätze, die unterschiedliche Aspekte des Konstrukts in den Vordergrund stellen:

 

Phänomenologische Aspekte von Absorption

Ästhetische Absorption gehört zu den veränderten Bewusstseinszuständen und kann als Zusammenspiel von automatisierten und kontrollierten Prozessen beschrieben werden (Zwei-Prozesse-Theorie). Dieser Ansatz erlaubt uns zu verstehen, wie Menschen in Musik absorbiert sein und gleichzeitig die Rolle eines Beobachters einnehmen können, der das musikalische Erleben beschreiben kann. Wir nutzen verschiedene multivariate statistische Verfahren (z.B. Strukturgleichungsmodelle), um subjektive Beschreibungen von musikalischen Hörerfahrungen zu analysieren, die mittels Fragebögen aus der Bewusstseinsforschung erhoben wurden. Mittels dieser Verfahren konnten wir verschiedene der Absorption zugrundeliegende Mechanismen differenzieren, und Absorption gegenüber anderen subjektiven Zuständen abgrenzen (siehe Abbildung 1).

Wir haben zwei Formen von musikalischer Absorption identifiziert: zoning in und tuning in (weggetreten sein versus eingestimmt sein). Diese beiden Formen von Absorption unterscheiden sich vor allem dadurch, wie stark der Hörer in der Hörsituation über Metabewusstsein verfügt (Vroegh, 2018a). Die Zustände zoning in und tuning in sind eng mit unterschiedlichen affektiven Qualitäten verbunden (Vroegh, 2018b). Ferner zeigte sich, dass musikalische Absorption eher ein Zustand des „mehr oder weniger“ ist als ein durch einen zeitlich eindeutig definierten Anfang gekennzeichneter Zustand.

Dieses Ergebnis stellt Auffassungen in Frage, die Absorption als eine eigene Kategorie bezeichnen, d.h., der Zustand musikalisch absorbiert zu sein beinhaltet eine gewisse Unschärfe (Vroegh, 2018c). Aktuelle Forschung untersucht, welche Gedanken mit musikalischer Absorption verbunden sind, um dieses Konzept noch klarer von einem verwandten Zustand zu trennen, dem des mind wandering (in Gedanken verloren sein).

 


 

Behaviorale und physiologische Korrelate von musikalischer Absorption

Im Rahmen unseres Ansatzes wird ästhetische Absorption zum Konstrukt der Aufmerksamkeit ins Verhältnis setzt. Aufmerksamkeit kann als eine begrenzte Ressource beschrieben werden, die auf Informationen in unserer Umwelt gerichtet werden kann, z.B. auf physikalische Merkmale von Reizen oder eine räumliche Richtung. In der Arbeitsgedächtnisforschung – einem Bereich der kognitiven Psychologie – dient Aufmerksamkeit neben der Selektion auch der Aufrechterhaltung von Repräsentationen über eine kurze Zeitspanne. Übertragen auf Musikrezeption bedeutet dies, dass Aufmerksamkeit kontinuierlich als Ressource zur Verarbeitung von Musik benötigt wird. Musikalische Absorption kann als Aufmerksamkeit definiert werden, die auf Musik als ästhetisches Objekt gerichtet wird. Im Rahmen von Ressourcentheorien kann man daher annehmen, dass musikalische Absorption Ressourcen beansprucht, und zwar sind bei stärkerer Absorption auch mehr Ressourcen erforderlich.

Wir verwenden in unserem Projekt verschiedene Methoden, z.B. Doppelaufgaben-Interferenz oder auch ein Blickmessungsgerät, um aufgrund von Augenbewegungen, Pupillendilation und Blinzelaktivität Rückschlüsse auf kognitive Belastung oder Verarbeitungsintensitäten in unterschiedlichen Hörsituationen zu ziehen. Eine Reduktion von Mikrosakkadenraten (Mikrobewegungen des Auges) während der Fixation zeigt kognitive Belastung an. Entsprechend der Annahme, dass Absorption kognitive Ressourcen benötigt, demonstrierten wir, dass die Reduktion dieser Mikrosakkadenraten die selbst eingeschätzten Intensität der Absorption beim intensiven Musikhören vorhersagt (Lange, Zweck, & Sinn, 2017). Auch die Blinzelaktivität reduzierte sich bei stärkerer ästhetischer Absorption. Während wir letzteren Befund bei ästhetischer Absorption während der Rezeption von Hörbüchern replizierten, war dies für die Mikrosakkaden nicht der Fall (Kuijpers & Lange, 2017). n einem Doppelaufgaben-Paradigma zeigten wir zudem einen Zusammenhang zwischen dem Absorbiertsein in Musik und Reaktionszeiten in einer einfachen Wahl-Reaktionsaufgabe (Wiesman, Vroegh, Henschke, & Lange, manuscript submitted). Aktuelle Forschung untersucht rhythmisch-dynamische Veränderungen der Pupillendilation während des Musik-Erlebens (Fink, Lange, & Janata, 2018).   

 


 

Publikationen

Vroegh, T.P. (2019). Zoning in or tuning in? Identifying two distinct absorption states in response to music. Psychomusicology: Music, Mind, and Brain, 29, 2-3, 156–170. DOI: http://dx.doi.org/10.1037/pmu0000241

Fink, L., Lange, E.B., & Janata, P. (2018).The pupil entrains to prominent periodicities in music. 15th International Conference on Music Perception and Cognition (ICMPC), Graz, Austria.

Kuijpers, M.& Lange, E.B. (2017). Experiencing audiobooks: The effects of microsaccade and blink rate 19th European Conference on Eye Movements (ECEM), Wuppertal, Germany.

Lange, E.B., Zweck, F., & Sinn, P. (2017). Microsaccade-rate indicates absorption by music listening. Consciousness and Cognition, 55, 59-78. DOI: 10.1016/j.concog.2017.07.009

Wiesmann, S., Vroegh, T., Henschke, S., & Lange, E.B. (2018).  Manual motor reaction while being absorbed into popular music. Manuscript submitted.

Vroegh, T.P. (2020a). Visual imagery in the listener’s mind: A network analysis of absorbed consciousness. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice, Manuscript submitted.

Vroegh, T.P. (under revision). Music-evoked imagery in an absorbed state of mind: a Bayesian network approach.

Vroegh, T.P.(2020b). Modeling the musical mind: Investigating network robustness, structural sensitivity, and spreading activation. Manuscript in preparation.

Vroegh, T.P. (2020c). A comparative network analysis of the subjective experience of listening to music and hypnosis. Manuscript in preparation

 

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