Disliked Music

In westlichen Kulturen ist der Musikgeschmack als eine Einstellung oder verfestigte Meinung zu Musik ein wichtiger Faktor des Selbstkonzeptes und der Selbstwahrnehmung. Als affektives und expressives Medium dient Musik dabei nicht nur der Befriedigung emotionaler und sozialer Bedürfnisse, sondern ist in seiner individuellen Ausprägung von gemochter oder abgelehnter Musik auch ein Mittel zur Konstruktion und Bestätigung der eigenen Identität. Bei detaillierten Untersuchungen des Musikgeschmacks steht jedoch meist nur die Seite der gemochten Musik im Vordergrund; abgelehnte Musik wird zwar zum Teil mit erhoben, spielt aber bei der Auswertung und Konzeptualisierung des Musikgeschmacks nur selten eine Rolle.

Aus diesem Grund konzentriert sich dieses Projekt auf die abgelehnte Musik, genauer auf die individuellen Begründungsstrategien für die Ablehnung bestimmter Musik und die Funktionen, die durch die Ablehnung bestimmter Stücke, Musikstile und Singstimmen auf persönlicher und sozialer Ebene erfüllt werden. Wir verfolgen einen multimethodischen Ansatz, bei dem quantitative und qualitative Forschungsmethoden wie Interviews, Fragebögen und Peripherphysiologie zum Einsatz kommen.

Bisher haben wir drei Hauptstrategien der Legitimation für die Ablehnung von Musik (Ackermann 2019) und Gesangsstimmen (Merrill 2019) aus den Daten ableiten können: objektbezogene (die Musik), subjektbezogene (das Selbst) und soziale Begründungsstrategien. Die Teilnehmer_innen unterschieden in ihren Begründungen zwischen verschiedenen Dimensionen der Musik (Stile, Interpreten, Stimmen) und die Funktionen für die Ablehnung von Musik unterschieden sich von der bevorzugten Musik.

Die Ergebnisse widersprechen der gängigen Hypothese, dass musikalische Abneigungen überwiegend sozial sind, und zeigen, dass musikbezogene sowie emotionale und körperliche Gründe eine wichtige Rolle spielen (Abbildung 1). Sie unterstützen ferner die Wichtigkeit der Integration der abgelehnten Musik in die Musikgeschmacksforschung. Zuletzt wurde ein Modell des Musikgeschmacks vorgestellt, das die Bewertungsdimension mit dem Verhalten sowohl in positiver wie negativer Ausprägung verbindet (Abbildung 2).

Die Ergebnisse dieser Forschung werden in Form von Fragebögen für künftige Studien nutzbar gemacht: Ein Inventar zur Beschreibung des stimmlich-artikulatorischen Ausdrucks in populärer Musik durch Nicht-Experten ist in deutscher Sprache veröffentlicht (Merrill 2019; die englische Version ist in Vorbereitung), welches im Kontext abgelehnter und bevorzugter Singstimmen erprobt wurde, ebenso wird ein Inventar zur Erfassung der individuellen Begründungen für abgelehnte Musik erstellt. Zu den nächsten Schritten gehören peripherphysiologische Reaktionen, um die berichteten körperlichen Gründe für abgelehnte Musik und spezifische ästhetische Emotionen, die im Zusammenhang mit abgelehnter Musik auftreten, weiter zu untersuchen.

Publikationen

Merrill, J., & Ackermann, T. (2020). “Like static noise in a beautiful landscape”: A mixed-methods approach to rationales and features of disliked voices in popular music (Advance online publication). Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. doi:10.1037/aca0000376.

Ackermann, T. (2019). Disliked music: Merkmale, Gründe und Funktionen abgelehnter Musik (PhD Thesis, kassel university press, Kassel, 2019). doi:10.19211/KUP9783737650885.

Merrill, J. (2019). Stimmen – schön schrecklich oder schrecklich schön?: Beschreibung, Bewertung und Wirkung des vokalen Ausdrucks in der Musik. Kassel: Kassel University Press. doi:10.19211/KUP9783737650878.

 

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