Mimik in Gesangsdarbietungen

Die Überzeugung, dass zwischen musikalischen Inhalten und der Mimik und Gestik von Vortragenden eine wesentliche Relation bestehe, so dass „ein grosses Stück der Music“ in der Gebärden-Kunst liege (Johann Mattheson), gehörte insbesondere im 18. Jahrhundert zu den Topoi aufgeklärter Musikästhetik. Mimik und Gestik wurden in der Tradition antiker Rhetorik als gewichtige Bestandteile einer expressiven musikalischen „Klang-Rede“ begriffen. Dabei waren es namentlich die Ausführungen Quintilians und Ciceros zur „actio“ des Redners, auf die sich spätere Anschauungen zur Bedeutung von Mimik und Gestik für den musikalischen Vortrag stützen konnten; z.B. auf Ciceros These, dass jede Regung des Gemüts von Natur aus eine eigentümliche Entsprechung in Mimik, Gestik und Tonfällen des Redners habe. („Omnis enim motus animi suum quendam a natura habet vultum et sonum et gestum“), so dass sein ganzer Körper, sein Mienenspiel und seine Stimme wie die Saiten eines Instrumentes klängen, die durch entsprechende Gemütsbewegungen angeschlagen würden („corpusque totum hominis et eius omnis vultus omnesque voces, ut nervi in fidibus, ita sonant, ut a motu animi quoque sunt pulsae“).

Wir gehen der Frage nach, welche Rolle Mimik und Gestik für den wahrgenommenen musikalischen Ausdruck spielt. Mit dieser Frage sind zwei Aspekte verbunden. Eine musikalische Aufführung wird über mehrere Sinneskanäle wahrgenommen. Eine besondere Rolle spielt neben dem auditiven und auch das visuelle System. Zum einen interessieren wir uns dafür, inwiefern sich der emotionale Ausdruck und seine Intensität bei Sängern über visuelle oder auditive Information transportiert. Zum anderen interessiert uns der spezifische Einfluss der Mimik auf den wahrgenommenen Ausdruck. Wir haben daher Sänger gebeten, Stücke aus ihrem Repertoire jeweils mit und ohne expressive Mimik und Gestik zu interpretieren, und diese aufgezeichnet. Die Interpretationen wurden anschließend von musikalischen Laien oder Experten bewertet. Dabei haben wir die Stimuli entweder nur rein auditiv (ohne Bild) oder rein visuell (ohne Ton) oder audiovisuell präsentiert. Es zeigte sich, dass expressive Mimik einen spezifischen Einfluss auf die Ausdrucksintensität und den wahrgenommenen emotionalen Ausdruck hat, das aber vor allem bei visueller oder audio-visueller Darbietung zum Tragen kommt (Grimm, Fünderich, & Lange, 2017). Dieser Effekt der visuellen Dominanz wurde durch Expertise beeinflusst: Experten können den visuellen Anteil der musikalischen Aufführung besser dekodieren als Laien.

Publikationen

Grimm, H., Fünderich, J., & Lange, E.B. (August, 2017). How is the perceived musical expressivity of singers affected by their mimic and gestural interpretation? 25th Anniversary Edition of the European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM), Ghent, Belgium.

 

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