Philosophische Perspektiven auf den Musikbegriff

Es gibt eine ganze Reihe theoretischer und empirischer Disziplinen, die sich auf sehr verschiedene Weise mit der Musik beschäftigen. Manchmal wird der Musikbegriff explizit diskutiert, bisweilen auch durch bestimmte Forschungsergebnisse herausgefordert; dennoch bleibt die Vorstellung, dass ein einheitlicher Musikbegriff möglich ist, als selbstverständlicher Hintergrund auch noch dort erhalten, wo sich Forschungen und Theorien explizit mit der Vielfalt musikalischer bzw. als musikalisch verstandener Praktiken statt mit ihrer Einheit beschäftigen. 

Trotz dieser Grundannahme gibt es keinen allgemeinen Konsens darüber, was der Musikbegriff umfasst, und zwar weder innerhalb von zwischen den verschiedenen Disziplinen. Es gibt allerdings zwei Tendenzen: Auf der einen Seite operieren viele Theoretiker*innen und Forscher*innen immer noch mit einem Grundverständnis von Musik als organisierter Klanglichkeit, das am Ende auf das aus dem 19. Jahrhundert stammende Konzept der absoluten Musik zurückzuführen ist. Körperliche Bewegung, gesellschaftliche Funktionen, Sprache und andere Medien werden allesamt als Aspekte musikalischer Praxis berücksichtigt, aber organisierte Klanglichkeit bleibt der Kern jener komplexen Praktiken.

Auf der anderen Seite wird das Musikalische als ein Typ gestischer, affektiver, kommunikativ koordinierter Artikulation bestimmt, das als Dimension anderer Praktiken beobachtbar ist und sogar als Grundlage menschlicher Kommunikation insgesamt angesehen werden kann. Diese Situation ruft nach einer philosophischen Klärung, die sowohl Forschungen aus unterschiedlichen Disziplinen zur Kenntnis nimmt als auch nach einer Dezentrierung europäischer Konzepte aus postkolonialer Perspektiver verlangt. Verschiedene Aspekte einer solchen Klärung wurden in einer Reihe von Aufsätzen ausgearbeitet. Eins der Ergebnisse dieser Arbeit ist die Anerkenntnis, dass ein wirklich universaler Begriff der Musik anti-essentialistisch und nicht einfach nicht-essentialistisch sein müsste: Er müsste sich der Tendenz, sich um einen recht traditionellen europäischen Begriff von Musik zu zentrieren, aktiv widersetzen. In letzter Konsequenz könnte auch ein solcher Begriff noch allein durch sein Festhalten am Terminus „Musik“ als problematisch erweisen.

Publikationen

Grüny, C. (2021). Dezentrierung, Rezentrierung und “Musik.” Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 66(2), 9–19. doi:10.28937/9783787342006_2

Grüny, C. (2021). Vor und nach der Musik: Gibt es eine antiessentialistische Musikphilosophie? In W. Fuhrmann & C.-S. Mahnkopf (Eds.), Perspektiven der Musikphilosophie (pp. 81–102). Suhrkamp.

Grüny, C. (2021). Musikalität, Kunst, Pop: Zur komplizierten Lage der Musik. In G. W. Bertram, S. Deines, & D. M. Feige (Eds.), Die Kunst und die Künste: Ein Kompendium zur Kunsttheorie der Gegenwart (pp. 239–257). Suhrkamp.