Absorption und Aufmerksamkeit beim Musik-Erleben

„...so zieht uns das musikalische Kunstwerk ganz in sich hinein und trägt uns mit sich fort“

Was Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen Vorlesungen zur Ästhetik (1835-38) beschreibt, wird im Kontext von Musikrezeption oftmals als Absorption bezeichnet. Differentialpsychologisch wird die Absorptionsfähigkeit als ein Merkmal betrachtet, das bei unterschiedlichen Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt ist (z.B. in der Tellegen Absorption Scale). Zudem unterliegt es menschlicher Kontrolle, wie stark man sich von etwas absorbieren lässt. Um diese Annahmen in Bezug auf Musikrezeption zu untersuchen, müssen wir zunächst einen Weg finden, Absorption während des Musik-Erlebens messbar zu machen. Im Rahmen dieses Projektes wird ein Ansatz verfolgt, der Absorption zum Konstrukt der Aufmerksamkeit ins Verhältnis setzt. Aufmerksamkeit kann als eine begrenzte Ressource beschrieben werden, die auf Informationen in unserer Umwelt gerichtet werden kann, z.B. auf physikalische Merkmale von Reizen oder eine räumliche Richtung. In der Arbeitsgedächtnisforschung – einem Bereich der Kognitiven Psychologie – dient Aufmerksamkeit neben der Selektion von Information aus unserer Umwelt auch der Aufrechterhaltung dieser Information über eine kurze Zeitspanne. Übertragen auf Musikrezeption bedeutet dies, dass Aufmerksamkeit als Kapazität zur Verarbeitung von Musik benötigt wird. Ein „Sich-Hineinvertiefen“ in Musik würde somit mehr Kapazität binden, die auf die Verarbeitung von Musik verwendet wird. Erklingt Musik im Hintergrund, so wird weniger Kapazität zur Verarbeitung von Musik eingesetzt. Dass im Übrigen auch Hintergrundmusik kognitiv verarbeitet wird, wenn sie nicht beachtet werden soll, zeigt Forschung zum sogenannten Irrelevant Sound Effect.

Wir verwenden in unserem Projekt verschiedene Methoden. Zum einen nutzen wir ein Blickmessungsgerät, um aufgrund von Augenbewegungen Rückschlüsse auf kognitive Belastung oder Verarbeitungsintensitäten in unterschiedlichen Hörsituationen zu ziehen. Zum anderen verwenden wir Doppelaufgabeninterferenz: Das Hineinvertiefen in Musik wird als ein aktiver Prozess gesehen, der durch Zweitaufgaben gestört werden kann. Hier gibt die Art der Aufgaben Aufschluss über die beteiligten Prozesse und aufgrund der individuellen Störbarkeit erfahren wir mehr über die Fähigkeit, sich kontrolliert in Musik hineinvertiefen zu können.

An dem Projekt sind außerdem Petra Sinn von der Universität Potsdam und Fabian Zweck vom Bayrischen Rundfunk beteiligt.