Zum Unterschied des wahrgenommenen musikalischen Ausdrucks und des ausgelösten Gefühls beim Musikhören

In diesem Projekt untersuchen wir die physiologischen und neuronalen Korrelate des wahrgenommenen musikalischen Ausdrucks und des ausgelösten Gefühls beim Musikhören im Vergleich zueinander. Die Annahme, dass diese beiden Phänomene kongruent seien, stellte seit der Begründung dieses Diskurses durch Platon und Aristoteles eines der Fundamente der Musikästhetik und -pädagogik dar. Man ging davon aus, Musik habe lauter positive soziale und psychische Effekte, da sich der Ausdruck einer Emotion ohne Verluste in eine empfundene übersetzen ließe und sich auf diese Weise durch häufige Wiederholung emotionale Haltungen und soziale Charaktere bilden ließen.

Mit dem Aufkommen einer Ästhetik als philosophischer und kunsttheoretischer Disziplin sui generis wurde wiederholt die mögliche Dissoziation beider Phänomene beschrieben und theoretisch gefasst. Die musikpsychologische Forschung hat indes erst kürzlich begonnen, den Unterschied zwischen musikalischem „Ausdruck“ und subjektivem „Eindruck“ auch empirisch zu untersuchen. Ein Modell zur Beziehung beider Phänomene entwickelte Alf Gabrielson (2002), wobei ein externer und ein interner Locus beim Musikhören unterschieden werden könnten; erster ist der Ausdruck, der einem Musikstück zugeschrieben wird, zweiter ist das Gefühl, das es im Hörer wirklich auslöst. Die Beziehung kann positiv sein, wenn beide Loci übereinstimmen, und negativ, wenn dem nicht so ist. Folgestudien untersuchten das Auftreten aller beschriebener Beziehungen (z. B. Evans & Schubert 2008).

Wir zielen in Fortsetzung dessen darauf ab, die physiologischen Marker sowie die neuronalen Korrelate dieser beiden Phänomene mit peripher-physiologischen Messungen und bildgebenden Verfahren zu untersuchen.

Die Ergebnisse könnten auch einen wesentlichen Beitrag zu der Diskussion um die Frage leisten, ob Musik überhaupt in der Lage ist, emotionale Gefühle auszulösen (emotivistische Theorie), oder ob es sich beim Musikhören nicht um echte, sondern eher um ästhetische Gefühle handelt (kognitivistische Theorie). Mit diesem Projekt versuchen wir, diesen zwei grundsätzlichen Rezeptionsweisen auf die Spur zu kommen und vielleicht sogar der Frage, weshalb sie so lange in eins gesetzt wurden. Zugleich ist davon die zentrale ästhetische Frage berührt, was die Reaktion auf ein alltägliches Phänomen von derjenigen auf ein ästhetisches unterscheiden könnte.