Musik als Stimulus

Musikalische Stimuli bewegen sich an der Schnittstelle von Ästhetik und Empirie. Denn durch sie wird Musik als ästhetisches Objekt in einen empirischen Forschungskontext eingebracht, in dem Problemstellungen behandelt werden, die wiederum auch von ästhetischer Relevanz sind. Diesem Zusammenhang soll im Rahmen einer eingehenden Analyse auf den Grund gegangen werden, um eine theoretische Basis für eine umfassende Beschreibung musikalischer Stimuli zu gewinnen. Hierzu wird der Stimulusbegriff in seiner historischen und theoretischen Dimension untersucht sowie verschiedene Weisen der Charakterisierung musikalischer Stimuli in den Blick genommen. Im Zuge einer daran anschließenden Analyse von Experimental- und Darbietungssituationen werden auch die Forschungskontexte untersucht, in denen Musik als Stimulus Verwendung findet, um Aspekte musikalischen Erlebens zu untersuchen.

Die Verwendung von Musik als Stimulus ist ein selbstverständlicher Bestandteil der Praxis empirischer Musikforschung. Doch fungiert Musik nicht nur als Stimulus für die Musikforschung, sondern auch als Stimulus mit spezifischen Eigenschaften im Kontext von Forschungsfragen, die nicht direkt auf die Musik bezogen sind. In der Forschungspraxis lassen sich zudem verschiedene Arten von Stimuli und verschiedene Weisen der Charakterisierung von Stimuli ausmachen. So werden beispielsweise künstlich erzeugte oder manipulierte Musikbeispiele, Ausschnitte von Musikaufnahmen verschiedener Musikstile und unterschiedlicher Dauer oder reale Aufführungssituationen als Stimulus verwendet. Dieser kann dabei beispielsweise über musikalische oder ästhetische Eigenschaften, akustische oder psychoakustische Parameter, durch eine Zuordnung zu einem Musikstil oder auch die Bestimmung einer gesellschaftlichen Funktion charakterisiert werden. Hierbei handelt es sich jeweils um Beschreibungen von einer spezifischen Außenperspektive, die von verschiedenen Einzelwissenschaften eingenommen wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Musik und musikalischem Stimulus: Was macht einen Stimulus zu einem musikalischen Stimulus, und wie lässt sich dieser von einem akustischen Stimulus unterscheiden? Unter welchen Umständen fungiert ein Stimulus als musikalischer beziehungsweise als akustischer Stimulus?

Für eine Beantwortung dieser Fragen ist der Untersuchung des musikalischen Stimulus eine eingehende Analyse der Experimental- und Darbietungssituation gegenüberzustellen. Neben der im Rahmen empirischer Praxis üblichen Identifikation möglichst aller Variablen und Störvariablen ist dabei zu klären, in welchem Verhältnis Stimulus und Erhebungssituation stehen und inwieweit im Rahmen von Experimentalsituationen und unter Berücksichtigung empirisch-methodischer Voraussetzungen überhaupt von musikalischem Erleben oder von ästhetischer Erfahrung gesprochen werden kann. Musik als ästhetischem Objekt wird darin die Rolle eines Stimulus zugewiesen, dessen Eigenschaften zu kontrollieren sind. Das Musikerleben, beziehungsweise jene Indikatoren, die ein Konstrukt des ästhetischen Erlebens von Musik zugänglich werden lassen, sind die zu ermittelnden Messgrößen. Die Charakterisierung des Stimulus und die Operationalisierung eines Konstrukts des ästhetischen Erlebens von Musik erfolgt dabei in der Sprache der empirischen Forschungspraxis. Damit ist ein notwendiger Übergang angesprochen, vom Ästhetischen zum dem, was im Rahmen einer empirischen Methodik zugänglich ist. Werden Ergebnisse empirischer Forschung auf das Ästhetische bezogen, wird dieser Übergang erneut, diesmal jedoch in entgegengesetzter Richtung, vollzogen. Dieser Übergang ist jeweils kritisch zu untersuchen, um schließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich empirische Forschungspraxis und ästhetische Theorie sinnvoll aufeinander beziehen lassen.

Im Anschluss an eine historische und theoretische Aufarbeitung des Stimulusbegriffs sowie der Experimental- und Darbietungssituation soll eine umfassende Systematik musikalischer Stimuli erstellt werden, die für verschiedene wissenschaftliche Disziplinen gleichermaßen ansprechbar ist. Damit soll dieses Projekt einen grundlegenden Beitrag auf dem Weg zur Formulierung integrativer Ansätze zur empirischen Musikästhetik leisten.