Singen mit Körperkontakt: Ein Motiv spätmittelalterlicher Gesangsikonographie und sein experimentelles Re-enactment

Musik- und Kunsthistorikern, die sich mit dem Spätmittelalter und der Renaissance beschäftigen, ist die typische bildliche Darstellung von Sängerensembles wohl vertraut: Die Sänger versammeln sich um ein einziges Pult oder Manuskript und stehen dabei dicht gedrängt. Oft berühren sie sich sogar direkt: Ältere Sänger legen ihre Hand auf die Schulter oder den Kopf eines vor ihnen stehenden Chorknaben, gleich alte Sänger legen sich den Arm um die Schulter.
So verbreitet diese Ikonographie ist, so überschaubar ist ihre Erforschung: Lange Zeit war unklar, was genau zu sehen ist: Das Angeben des Tactus? Oder doch eine kontinuierliche Berührung? Zudem stehen „realistische“ neben „symbolischen“ Deutungen. Die relevanten kultur- und sozialhistorischen Kontexte von Berührungen sind kaum ausgewertet.
Hier setzt das Projekt an und verbindet klassische musik- und kulturhistorische Herangehensweisen mit experimentellen. Zwei Fragen werden adressiert: 1. Welche historischen Indizien oder Dokumente weisen darauf hin, dass (kontinuierliche) Berührungen mit der Hand zur damaligen sängerischen Praxis gehörten? 2. Welche experimentell messbaren Effekte können Köperkontakt und explizite Berührungen beim gemeinsamen Singen haben? Und unter welchen Bedingungen können an heutigen Sängern beobachtbare Effekte als Argument für einen historischen Sachverhalt verwendet werden?
Ikonographische Analysen, Quellenkritik und kultur- und sozialhistorische Ansätze werden mit sozialpsychologischen Erkenntnissen zu Funktionen und Effekten von Körperkontakt und zwei eigenen Experimenten enggeführt. Die Hypothesen zu möglichen Effekten beziehen sich einerseits auf den Bereich des Gemeinschaftsgefühls, andererseits auf die Gesangspädagogik sowie das Paradigma der interpersonellen Handlungskoordination und Synchronisierung.
Das Projekt ist zugleich ein erster Probefall für die an Robin Collingwoods Konzept des „Re-enactments“ anknüpfende Idee, dass unter bestimmten Umständen empirische Evidenzen der historischer Spekulation eine zusätzliche Plausibilität verleihen können, v.a. dann, wenn eine eindeutige Quellenevidenz fehlt.

Eine Liste von Beispielen des ikonographischen Topos (Gemälde, Skulpturen, Holzschnitte und Buch-Illustrationen) kann hier eingesehen werden.
Wir sind dankbar für jedes weitere Beispiel, das uns an folgende Adresse mitgeteilt wird hands-on.prj@ae.mpg.de

Das Projekt wird in Kooperation mit Prof. Dr. Katelijne Schiltz (Musikwissenschaft, Universität Regensburg) und Prof. Dr. Franz Körndle (Musikwissenschaft, Universität Augsburg) durchgeführt.