Situierte Ansätze zum ästhetischen Musik-Erleben

In den letzten Jahren wurden innerhalb der Kognitionswissenschaft mehrere Ansätze entwickelt, die sich von der Vorstellung einer ausschließlichen Verortung kognitiver Prozesse im Gehirn lösen. So wurde vorgeschlagen, Kognition als körperlich verfasst (embodied), als in eine relevante Umwelt eingebunden (embedded), als sich über den Körper hinaus in dessen Umwelt erstreckend (extended) oder als erst auf der Basis eines Gehirn, Körper und Umwelt umspannenden relationalen Prozesses entstehend (enacted) zu betrachten (vgl. Wilutzky, Walter und Stephan, 2011). Darüber hinaus wurden auch Szenarien diskutiert, in denen kognitive Prozesse über mehrere Agenten verteilt (distributed) sein können (z. B. Hutchins, 1995). Entsprechende Ansätze, die unter dem Begriff der Situated Cognition subsumiert werden können, wurden in jüngster Zeit auch von den Affektwissenschaften und der Ästhetik aufgegriffen.

Die uneinheitliche Verwendung der Begriffe embodied, embedded, extended, enacted oder distributed innerhalb verschiedener Ansätze und deren Rezeption innerhalb der Musikforschung erfordert zunächst eine umfassende Begriffsklärung, um daran anknüpfend untersuchen zu können, inwieweit mithilfe der jeweils zugrunde liegenden Konzepte unser Umgang mit Musik sinnvoll beschrieben werden kann und welche weiterführenden Erkenntnismöglichkeiten sich hierdurch eröffnen. Welche Rolle spielt unsere körperliche Verfasstheit und unser Eingebunden-Sein in eine Umwelt im Zuge unserer Produktion und Rezeption von Musik? Wie lässt sich dieses Verhältnis von musikalischer Praxis zu Körper und Umwelt spezifizieren – beispielsweise als Konstitutionsbeziehung oder als kausale Abhängigkeit?

Im Zuge einer thematischen Zuspitzung werden insbesondere Aspekte des ästhetischen Erlebens von Musik aus der Perspektive situierter Ansätze untersucht. Ergänzend zu den theoretischen Überlegungen soll dabei auch die Möglichkeit des Anschlusses an empirische Forschungsansätze diskutiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, inwieweit sich kognitionsphilosophische Hypothesen um empirische Daten ergänzen und durch diese eventuell stützen lassen. Im Gegenzug soll diskutiert werden, welche Herausforderungen und Möglichkeiten sich ausgehend von einer situierten Musikästhetik für die empirische Erforschung des ästhetischen Erlebens von Musik ergeben.

Externer Forschungspartner: Christoph Seibert (Hochschule für Musik Karlsruhe / Institut für Musikinformatik und Musikwissenschaft)

Teilprojekte

SAMPLE - Situierte Aspekte musikalischer Praxis in einer Längsschnittstudie

SAME – Situierte Aspekte des Musik-Erlebens