Musikalische Mimik und Gestik

Die Überzeugung, dass zwischen musikalischen Inhalten und der Mimik und Gestik von Vortragenden eine wesentliche Relation bestehe, so dass „ein grosses Stück der Music“ in der Gebärden-Kunst liege (Johann Mattheson), gehörte insbesondere im 18. Jahrhundert zu den Topoi aufgeklärter Musikästhetik. Mimik und Gestik wurden in der Tradition antiker Rhetorik als gewichtige Bestandteile einer expressiven musikalischen „Klang-Rede“ begriffen. Dabei waren es namentlich die Ausführungen Quintilians und Ciceros zur „actio“ des Redners, auf die sich spätere Anschauungen zur Bedeutung von Mimik und Gestik für den musikalischen Vortrag stützen konnten; z.B. auf Ciceros These, dass jede Regung des Gemüts von Natur aus eine eigentümliche Entsprechung in Mimik, Gestik und Tonfällen des Redners habe. („Omnis enim motus animi suum quemdam a natura habet vultum et sonum et gestum“), so dass sein ganzer Körper, sein Mienenspiel und seine Stimme wie die Saiten eines Instrumentes klängen, die durch entsprechende Gemütsbewegungen angeschlagen würden („corpusce totum hominis et eius omnis vultus omnesque voces, ut nervi in fidibus, ita sonant, ut a motu animi quoque sunt pulsae“).
Und die Einsicht, dass Mimik und Gestik Wesentliches zur Qualität der musikalischen Darbietung und ihrer Rezeption beitragen können, ist bis heute kaum ernsthaft bezweifelt worden. Empirische Studien aus jüngerer Zeit haben sie in verschiedener Hinsicht bestätigt und modifiziert.
Das hier in Rede stehende Projekt zielt auf differenzierte Antworten zu folgenden Fragestellungen:

  1. Was können Mimik und Gestik zum positiven oder negativen Erleben von Musik beitragen?
  2. Welche unterschiedlichen Funktionen lassen sich diesbezüglich zwischen Mimik und Gestik feststellen?
  3. Was können Mimik und Gestik zum Verständnis von musikalischen Gehalten und strukturellen Besonderheiten leisten?
  4. Welchen Anteil an der Bewertung einer musikalischen Darbietung haben Mimik und Gestik von Interpreten?

Diese Fragestellungen streben zugleich Erkenntnisse darüber an, inwieweit Mimik und/oder Gestik die Aufmerksamkeit von Hörern auch auf ganz andere Passagen des rezipierten Werkes zu lenken im Stande sind, als dies bei einer lediglich akustisch wahrgenommenen Interpretation der Fall ist.