Musikalischer Geschmack und geschmacksbezogenes Verhalten

Geschmack als Grund und Ausdruck individuellen Gefallens oder Missfallens ist ein zentrales Forschungsfeld der Ästhetik. Seit der Antike wurde die Frage diskutiert, weshalb ein und dasselbe Kunstwerk, ein Stil oder eine Gattung einer Person gefällt, einer anderen aber nicht sowie ob und wie man diese Varianz gegebenenfalls homogenisieren sollte. Das Konzept des Geschmacks – verstanden entweder als erworbenes Präferenzmuster oder als trainierbare innere Urteilsfähigkeit – verortete den Grund für solche Gefallensunterschiede im Individuum: in seinem Alter, seinem Geschlecht, seinem Temperament, seiner kulturellen oder sozialen Zugehörigkeit.
Mit der enormen Ausdifferenzierung der Musik in den letzten 60 Jahren haben sich auch die Geschmäcker vervielfacht und spezifische Funktionen und Subkulturen ausgeprägt. Die Soziologie und die Psychologie haben das je auf ihre Weise aufgegriffen, verschiedene Theorien aufgestellt und Variablen untersucht. Möchte man die Entstehung, Ausprägung und Funktion des individuellen Musikgeschmacks verstehen, sind daher die Musik, der Hörer und der Kontext in ihrer Interaktion zu berücksichtigen.

In der Musikabteilung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik wird Musikgeschmack in einer interdisziplinären Forschergruppe untersucht. Musiktheoretische und musikwissenschaftliche Analysen erschließen neben einer psychoakustischen Herangehensweise die Musik als Einflussvariable. Sozialpsychologie sowie Persönlichkeits-, Differentielle und Kognitive Psychologie werden herangezogen, um inter-individuelle Unterschiede der Hörer und den Einfluss verschiedener Situationen und Kontexte, in denen Musik gehört wird, zu verstehen. Musiktherapeutische Erkenntnisse bereichern das Verstehen aus einer anwendungsbezogenen Perspektive. Als Impulsgeber dienen zudem musikästhetische Schriften von Aristoxenos bis Niklas Luhmann, bei denen die drei Ebenen von Musik, Hörer und Kontext unterschiedliche Gewichtung finden. Der interdisziplinäre Ansatz wird gewählt, um der Komplexität des Gegenstandsbereichs gerecht zu werden und ein Modell zu entwickeln, bei dem Musikgeschmack umfassend begreifbar wird und bisher unbeachtete Einflussfaktoren aufgedeckt werden.

Der Forschungsgegenstand dieses Projektbereichs umfasst sowohl Musikgeschmack im engeren Sinn als auch musikbezogenes Verhalten. Wir definieren den musikalischen Geschmack als ein Bündel von Einstellungen gegenüber Musik und trennen ihn von dem Begriff der Präferenz, der immer mit einem „Vorziehen von etwas gegenüber anderem“ verbunden ist. Der Präferenz liegen musikbezogene Einstellungen zugrunde. Präferenz ist oft Gegenstand geschmacksbezogenen Verhaltens, da man sich beim Musikhören oder dem Konzertgang für eine von mehreren möglichen Optionen entscheidet. Musikgeschmack und musikbezogenes Verhalten bedingen sich gegenseitig und werden ihrerseits von weiteren Faktoren beeinflusst.

Der Musikgeschmack eines Individuums kann die Zugehörigkeit zu und die Abgrenzung von bestimmten sozialen Gruppen definieren. Damit kommuniziert Musikgeschmack unter anderem soziale Werte und Normen und stiftet Zugehörigkeit und Identität. Dies ist im Jugendalter besonders ausgeprägt, da in dieser Lebensphase ausgehend von den Werten und Normen des sozialen Umfeldes eigene Wege gefunden werden müssen. Die Entscheidung für den Anschluss an Fans verschiedener Musikstile ist eine Möglichkeit, verschiedene Identitäten spielerisch auszuprobieren.

Doch lassen sich immer klare Grenzen zwischen Hörern unterschiedlicher Musikstile ziehen? Ist der Musikkonsum immer klar nach Musikstilen definiert oder spielen z.B. stilunabhängige Vorlieben wie etwa für „ruhige“ versus „anregende“ Musik oder für „E-Gitarren“ versus „orchestrale Klänge“ eine größere Rolle? So gehen z.B. auch soziologische Studien, die sich dem Phänomen des „Omnivoren“ oder „Allesfressers“ widmen, davon aus, dass Geschmäcker im Allgemeinen an Breite gewinnen. Eine viel diskutierte Erklärung für das Auftreten von Omnivoren ist ein damit verbundenes Selbstbild, für das Werte wie Toleranz und Weltoffenheit eine Rolle spielen. Speziell bei Musik sind aber auch andere Mediatoren für eine Verbreiterung des Geschmacks denkbar, z.B. die digitale Verfügbarkeit einer ungeheuer großen Vielfalt an Musik oder streaming Dienste, durch die ihre Nutzer Hörvorschläge erhalten, die sie eigenständig womöglich nicht auswählen würden.

Aber noch aus einem anderen Grunde interessieren wir uns für den Musikgeschmack: Da Hörbiographie und Musikgeschmack sich nicht nur gegenseitig bedingen, sondern auch maßgeblich beeinflussen, wie Musik erlebt und erfahren wird, stehen unsere Forschungen zum Musikgeschmack in enger Verbindung zu den Bereichen Musikalisches Erleben, Musikalische Urteilsfindung, Konzertforschung sowie dem Sprechen über Musik.

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