Haben Expertenhörer besondere musikalische Vorlieben? Eine Untersuchung des Musikgeschmacks von Musikwissenschafts-Studierenden

Zum Musikwissenschaftsstudium gehört es, sich mit den theoretischen und historischen Grundlagen der Musik zu befassen und verschiedenste Stile aus Vergangenheit und Gegenwart sowie deren musikalische Regeln und Systeme zu erlernen. Eine der Hauptbeschäftigungen von Musikwissenschafts-Studierenden ist aber das »Hören von Musik« und die Ausbildung eines feinen Gehörs, welches nicht nur musikalische Strukturverläufe erkennt und nachvollzieht, sondern Werke und Aufnahmen auch einzelnen Komponisten, Stilen, Epochen oder Interpreten zuordnen kann. Musikwissenschaftler können daher als Expertenhörer bezeichnet werden.

Haben Expertenhörer aber auch besondere musikalische Vorlieben? Hören Musikwissenschafts-Studierende nur bestimmte Musikstile – z.B. nur klassische Musik – oder ist ihr Musikgeschmack breit gefächert und sehr heterogen? Und unterscheidet sich der Musikgeschmack von Expertenhörern von dem normaler Hörer?

Um diese Fragen zu beantworten, wurde in einer Online-Fragebogenstudie der Musikgeschmack von 1003 Personen erhoben. Etwa ein Viertel der Teilnehmer studierte Musikwissenschaft. Ziel der Studie war es, den Musikgeschmack von Musikwissenschaft-Studierenden mit dem von normalen Hörern zu vergleichen.

Der Musikgeschmack wurde anhand der berichteten Hörfrequenz von 22 verschiedenen Musikstilen erhoben und anschließend auf sechs Musikgeschmack-Dimensionen reduziert. Die Dimensionen wurden als »Hard Rock«, »Jazz«, »House«, »Pop«, »Folk« und »Klassik« bezeichnet. Als nächstes wurden alle Teilnehmer – egal ob sie Musikwissenschaft studierten oder nicht – hinsichtlich ihres Musikgeschmacks anhand einer hierarchischen Clusteranalyse in drei homogene Gruppen eingeteilt. Jede der Gruppen zeigte ein besonderes Profil auf den Musikgeschmack-Dimensionen und wurde als besonderer Hörer-Typ interpretiert. »Engagierte Hörer« zeigten eine insgesamt höhere Hörfrequenz und eine besondere Präferenz für Klassik und Jazz. »Gewöhnliche Hörer« hingegen zeigten eine insgesamt nur mittlere Hörfrequenz auf allen sechs Dimensionen, mit einer leichten Bevorzugung von Pop, House und Klassik. »Rock Hörer« wurden durch eine besondere Hörfrequenz auf den Dimensionen Hard Rock und Folk charakterisiert.

Nachdem diese Hörertypen identifiziert wurden, galt es zu ermitteln wie hoch der Anteil an Musikwissenschaft-Studierenden und normalen Hörern in den drei Gruppen ist. Wie vermutet war der größte Anteil (51%) der Expertenhörer in der Gruppe vertreten, die als »Engagierte Hörer« bezeichnet wurde. Darauf folgte die Gruppe der »Gewöhnlichen Hörer« (36%). Am wenigsten Musikwissenschaftler (13%) waren in der Gruppe der »Rock-Hörer« vertreten.

Unser Ergebnisse zeigen, dass der Musikgeschmack von Expertenhörern zum Typ des »Engagierten Hörer« tendiert, welcher sich durch eine breit gefächerte Vorliebe für verschiedene Musikstile auszeichnet und besonders gern Klassik und Jazz hört. Außerdem zeigte sich, dass einseitige Rockfans, die vor allem Hard Rock und Folk hören, unter Musikwissenschaftlern eher eine Ausnahme sind.

Das Projekt fußt auf Daten, welche im Rahmen eines von Wolfgang Fuhrmann (Universität Wien) und Timo Fischinger geleiteten Forschungsseminars an der Humboldt-Universität zu Berlin gemeinsam mit den Studierenden erhoben wurden. Die Auswertung der Daten und die Formulierung der Ergebnisse erfolgte am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, durchgeführt von Diana Omigie und Paul Elvers.

Externe Forschungspartner: Diana Omigie (MSc in Music, Mind & Brain, Goldsmiths, University of London)

Publikationen

Elvers, P., Omigie, D., Fischinger, T., & Fuhrmann, W. (submitted). Do Expert Listeners Prefer Specific Musical Styles? Exploring the Musical Taste of Musicology Students. Frontiers in Psychology.