Die Heterogenität des Musikgeschmacks

Empirische Musikgeschmacksforschung hat eine über 100-jährige Tradition. Mit Erfindung des Radios interessierte in besonderem Maß, welche Musik gerne gehört wurde und inwiefern sich dies im Laufe des Tages änderte. Eine Schwierigkeit entsprechender Untersuchungen liegt bereits in der genauen Erhebung des Musikgeschmacks: Werden Urteile über gehörte Musikstücke (der sogenannte klingende Fragebogen) erhoben oder Einstellungen zu verbal zusammengestellten Kategorien von Musikstilen? Bei ersterer Methode ist der Gegenstandsbereich klar definiert (das ausgewählte Musikstück), doch ob es möglich ist, das Urteil auf eine Einstellung gegenüber einem ganzen Musikstil zu generalisieren, ist schwer einzuschätzen. Fragt man jedoch direkt nach der Einstellung zu einem Musikstil, besitzt der Gegenstandsbereich eine gewisse Unschärfe, da die Bedeutung der meisten Stil-Begriffe einem kontinuierlichen Wandel unterliegt. Beständig kommen neue Benennungen hinzu, alte Namen erfahren eine Bedeutungsänderung oder werden nicht an die nächste Hörergeneration weitergegeben. Möchte man aktuelle Musikgeschmacksforschung in Deutschland betreiben, muss man sich dieser Herausforderung stellen.

Die Erforschung des Musikgeschmacks, dessen Entwicklung, Funktionen und Determinanten, ist ein wichtiges Teilgebiet des Instituts für empirische Ästhetik. In Zusammenarbeit mit Experten aus Radio, Musikpraxis und Verkauf stellen wir in diesem Projekt aktuell geläufige Musikstile, stellvertretende Interpreten und prototypische Musikstücke zusammen. In einer großangelegten Erhebung wird überprüft, wie gut und wodurch sich der Musikgeschmack von Hörern eingrenzen lässt. Gibt es Hörer, die ausschließlich Rock oder Heavy Metal oder Techno mögen? Oder ist der Musikgeschmack im Allgemeinen sehr viel heterogener? In Anbetracht von streaming Diensten ist es denkbar, dass der Musikgeschmack zunehmend breiter wird, da diese Dienste es ermöglichen, jederzeit auf eine große Vielfalt an Musik zuzugreifen, und dem Hörer aktiv ihm unbekannte Stücke und Interpreten vorschlagen. Zieht sich inzwischen der musikalische Allesfresser (Omnivore) durch die Bevölkerung? Welches Bild an Heterogenität zeigt sich, wenn man klingende Fragebögen mit dem Abfragen verbaler Musikstile vergleicht? Zudem gehen wir der Frage nach, wie sich das Sprechen über ästhetisches Erleben beim Hören unterschiedlicher Musik verändert.