Kulturelle Varianz rhythmischer Prototypen

Während das Timing musikalischer Ereignisse in physikalischer Hinsicht unendlich variiert, nehmen Menschen nur eine kleine Anzahl rhythmischer und metrischer Kategorien wahr. Diese Grundbausteine rhythmischer und metrischer Strukturen sind nach gängiger Auffassung an prototypische Dauernverhältnisse gebunden, insbesondere an die beiden kleinsten ganzzahligen Verhältnisse, 1:1 und 1:2. Experimentelle Tapping-Studien zur Wiedergabe zweischlägiger Rhythmen zeigen, dass westeuropäische und nordamerikanische VersuchsteilnehmerInnen jegliche Vorgabe in Richtung 1:1 oder 1:2 verzerren.
Kategoriale Wahrnehmung kann durchaus Lernprozessen unterliegen; Einflüsse sozial und kulturell divergenter Umwelten sind somit nicht a priori auszuschließen. Die naturwissenschaftliche Rhythmusforschung neigt jedoch zur Annahme, dass eine kognitive Privilegierung der Dauernverhältnisse 1:1 und 1:2 biologisch determiniert sei. Vergleichend-musikwissenschaftliche Wissensbestände zur kulturellen Normalität ungerader Metren geben allerdings Anlass zu Zweifeln an dieser These.
Das Projekt erkundet die Möglichkeit kultureller Varianz rhythmischer Prototypen. Wir replizieren zunächst eine klassische Tapping-Studie in Mali, Bulgarien, Türkei und Deutschland. In einer zweiten Phase werden wir hinterfragen, inwieweit die kontextarmen Stimuli dieses kognitionspsychologischen Laborexperiments methodisch geeignet sind, Effekte kultureller Vertrautheit aufzurufen und abzubilden.

Externe Forschungspartner: Nori Jacoby (Columbia), Daniel Goldberg (Yale), Andre Holzapfel (KTH), Justin London (Carleton)