Musik als Instrument: Europäische Narrative über Mission durch Musik im Lateinamerika der Frühen Neuzeit

„Wie sollte einem Europäer nicht seltsam vorkommen zu sehen/ wie dass schwartze halb-nackende Barbarn die Lateinische Kirchen-Gesänger so künstlich singen/ und auf ihren Instrumenten in einem Dorff dermassen lieblich spihlen/ dass man ihnen in manchen Europäischen Städten mit Lust zuhorchen würde?“ [Ernst Steigmiller aus Santa Fe di Bogotta, 1724]
Dieser Brief eines jesuitischen Missionars aus dem Gebiet des heutigen Kolumbien spricht Bände: die Indigenen sind zwar Barbaren, noch dazu schwartz und halb-nackt, aber sie singen die lateinischen Kirchengesänge kunstvoll (künstlich) und spielen dermassen lieblich auf ihren Instrumenten; so sehr sogar, dass viele Europäer ihnen mit Lust zuhorchen würden. Viele Topoi finden sich hier vereint – die herablassende, exotisierende Art, über indigene Konvertierte zu sprechen, die Verwunderung über deren große musikalische Fähigkeiten, der bereits erfolgte, vollständige Transfer europäischer Kirchenmusik in den Zuständigkeitsbereich der Indigenen und die Negation einer nicht-christlichen, prähispanischen Musik sowie das Gewissheit, das all dies sicherlich in Europa großes Interesse erregen würde.
Wie aus dem Zitat deutlich wird, war die Mission durch Musik in regional eng begrenzten Gebieten Lateinamerikas im frühen 18. Jahrhundert bereits alltäglich gelebte Realität geworden. Wie aber war es dazu gekommen, und was waren die Konsequenzen?
Im Zentrum meines Forschungsprojekts stehen die Fragen, wie die franziskanischen und jesuitischen Missionare in Lateinamerika zwischen 1523 und 1767 europäische Musik und Klänge einsetzten, und wie sich aus diesem Einsatz von Musik in der Mission das oben geschilderte Narrativ entwickelte. Damit steht das frühneuzeitliche Schreiben über Musik – die eigene und die der anderen – in Briefen, Berichten und Chroniken der Missionare im Fokus: denn die Franziskaner und Jesuiten waren nicht nur Akteure einer Missionspraxis, die sich die sinnliche Erfahrbarkeit und Verwendbarkeit von Klängen vor Ort zunutze machte, sondern auch die Verfasser der wichtigsten Quellen von Mission durch Musik. Autochthone Quellen gibt es nur sehr wenige.
Eine postkolonial aufgeklärte, aber im europäischen Denken der Zeit verwurzelte Kategorienbildung ist hier unumgänglich, handelt es sich doch um in erster Linie europäische Fragestellungen: was ist der Zusammenhang zwischen Musik und Zivilisation, wie funktioniert Musik als Ausbildungs- und Bildungsinstrument und wie hängt dies mit dem Ziel der Missionare, der Christianisierung der Indigenen, zusammen? Und inwieweit waren die Autoren der Texte, die schließlich zum v.a. jesuitisch geprägten Narrativ von Mission durch Musik gerannen, Zeugen oder Initiatoren von ethnographischen, exotistischen und utopistischen Konzepten, die bis in den heutigen Tag nachwirken?
Das Projekt beleuchtet eine Reihe von Fragestellungen aus vielen Bereichen der Musikwissenschaft wie auch aus der historischen Anthropologie, der Kolonial- und Religionsgeschichte.