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Die Vorrede zum Musikdruck im frühen 17. Jahrhundert

Als die Komponisten um 1600 die Bühne des Schreibens über Musik betraten, taten sie das in genuin eigenem Interesse: Die vom Komponisten verfasste Vorrede ist in Notendrucken als neues paratextuelles Element anzutreffen. Geradezu programmatisch waren hierfür die Texte von Emilio de’Cavalieri zur Rappresentazione di anima e di corpo (1600) oder von Giulio Caccini zu den Le Nuove Musiche-Drucken (1602 und 1614); die Komponisten legitimierten bzw. autorisierten darin ihre gedruckten Werke bzw. den (neuen) Kompositions- oder Gesangsstil oder suchten Kontrolle über die Rezeption selbiger auszuüben.
Die sich schnell etablierende Textgattung eröffnete der ästhetischen Diskussion von aktuellen musikalischen Praktiken weitere Perspektiven: Das Auftreten der Komponisten als Kommentatoren ihrer eigenen Werke erweiterte nicht nur den Kreis der Akteure im Bereich des Musikschrifttums, auch der Status der Komponisten veränderte sich, die sich nun als Autoren erstmals schriftlich über ihre eigenen Werke äußern. Inhaltlich sind die ersten Vorreden dieser Prägung zudem eng verknüpft mit dem zentralen kompositionsgeschichtlichen Paradigmenwechsel um 1600, der Einführung des Sologesangs zu akkordischer Begleitung, des sogenannten »stile nuovo«. Die verstärkte Hinwendung des »stile nuovo« zum performativen Affektausdruck offenbarte das Unvermögen des Musikdruckes, diesen losgelöst von der Aufführung in Notation abzubilden. Die Vorrede bot da offenbar ein ideales Medium für die schriftliche Ergänzung zentraler Informationen zur Aufführung und Rezeption der Werke. Gleichzeitig ermöglichte das weitgehende Fehlen eines Vokabulars für die Beschreibung von musikalischer Gestaltung und (idealer) Wirkung ein lebendiges Experimentieren im Bereich des Schreibens über Musik.
Das Projekt konzentriert sich auf Texte, die sich mit den kompositionsgeschichtlichen Neuerungen rund um den »stile nuovo« befassen. Gefragt wird a) nach Strategien der Versprachlichung eines musikalischen Problems unter den Bedingungen des Musikdruckes, b) nach den Rollen von Autor und Leser der Vorrede sowie dem Status des Musikdruckes insgesamt im Verhältnis zur eigentlichen musikalischen Aufführung, c) nach den spezifischen auf Affektausdruck und Wirkung bezogenen Textbestandteilen und, damit verbunden, d) nach der Ausformung eines Vokabulars für musikalisch-ästhetisches Erleben und Bewerten.