Selbst-Stärkung im musikalischen Erleben:

Musikalische Subjektivität, Empathie und Selbstwertgefühl

Kann Musik das Selbstwertgefühl steigern und wie lässt es sich erklären, dass das Hören unserer Lieblingsmusik nicht nur glücklich macht, sondern auch selbstbewusster, und uns Kraft verleiht und unsere Ängste vertreibt?

Schon in den antiken Schriften Platons und Aristoteles wird der Musik die Kraft zugeschrieben, die Menschen in ihrer Selbstwahrnehmung zu stärken und ihre Gewohnheiten so zu beeinflussen, dass sie mit den Herausforderungen des Alltags besser zurecht kommen. Auch heute scheinen viele Menschen von dieser Intuition überzeugt, wenn sie beispielweise Musik nutzen, um ihre Emotionen zu regulieren oder um sich auf wichtige Ereignisse einzustimmen, wie beispielsweise Sportler vor einem Wettkampf.

Auch wenn Musik-Forscher bereits wichtige Arbeit in diesem Themenbereich geleistet haben – zum Beispiel zur emotionalen Wirkung von Musik oder zur Verwendung von Musik als Stimmungs-Regulation – wurde der Zusammenhang von Selbstwertgefühl und Musikerleben bisher nicht eingehend empirisch untersucht.

Das Projekt möchte den aktuellen Forschungsstand durch eine systematische Untersuchung der aufbauenden Funktion von Musik ergänzen. Im Mittelpunkt steht dabei heraus zu finden, ob das Erleben von Musik das Selbstwertgefühl steigern kann und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Sind diese Veränderungen auf bestimmte Aspekte des musikalischen Ausdrucks zurückzuführen, oder beruhen sie auf persönlichen Verbindungen zwischen der Musik und dem Hörer? Welche Rolle spielen Aspekte des musikalischen Erlebens wie beispielsweise Gefallen, Empathie mit dem Interpreten oder die persönliche Bekanntheit des Stückes? Oder aber löst die Musik bestimmte Emotionen wie beispielweise Nostalgie aus, die wiederum das Selbstwertgefühl beeinflussen? Ziel der Arbeit ist es, Bestandteile des komplexen Erlebensprozesses von aufbauender Musik zu identifizieren und auf ihre Relevanz hin zu untersuchen.

Zur Beantwortung dieser Fragen sind eine Reihe von Experimenten und Studien geplant, wovon das erste Experiment bereits durchgeführt wurde. Hier war es in erster Linie das Ziel, die aufbauende Funktion von Musik experimentell sichtbar zu machen. Dafür wurden Manipulationen des Selbstwertgefühls anhand von Musikstücken untersucht, die in einer Vorevaluation als entweder »motivierend« und »aufbauend« oder als »demotivierend« beschrieben wurden. Außerdem wurde der Einfluss moderierender Variablen wie Gefallen, Empathie, Nostalgie und Bekanntheit sowie individueller Variablen wie Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsmerkmale untersucht.

In einem weiteren Experiment wird ein idiographisches Design gewählt, um die Relevanz der persönlichen Verbindung von Musik und Hörer für eine Selbst-stärkende Funktion des Musikhörens zu untersuchen.

Um zu überprüfen, ob sich auch im alltäglichen Leben ein Zusammenhang von Musikhörverhalten und Selbstwertgefühl finden lässt, ist eine »Experience Sampling«-Studie geplant. Hierbei handelt es sich um die Erhebung von Selbstauskunftsdaten an mehreren Messzeitpunkten über einen Zeitraum von 7-10 Tagen.

Ziel der Arbeit ist es, das theoretische Modell der musikalischen Selbst-Stärkung (»MUSE-M«) empirisch zu validieren, sowie die Gewichtung einzelner Bestandteile zu untersuchen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die aufbauende und Selbstwert steigernde Funktion von Musik experimentell nachgewiesen werden kann und dass sie sowohl von den Ausdrucksqualitäten der Musikstücke abhängt als auch von individuellen Eigenschaften wie beispielsweise dem Selbstwertgefühl vor dem Musikhören. Aber auch Aspekte des Musikerlebens wie das Gefallen der gehörten Stücke oder die Stärke des empathischen Verhältnisses zum Interpreten tragen zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls bei.

Die Arbeit leistet einen Beitrag dazu, welche positiven Gefühle durch Musik ausgelöst werden können, und gibt eine Antwort darauf, warum das ästhetische Erleben von Musik für viele Menschen so wichtig ist. Selbst-stärkende Prozesse spielen eine zentrale Rolle für die Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes. Dass Musik als Ressource für diese Prozesse dienen kann, unterstreicht ihre Relevanz für das alltägliche Wohlbefinden.

Bei dem Projekt handelt es sich um eine Qualifikationsarbeit von Paul Elvers zur Erlangung des Doktortitels, die von Melanie Wald-Fuhrmann betreut wird. Die Durchführung der empirischen Teilstudien erfolgt in Zusammenarbeit mit Jochen Steffens und Timo Fischinger.

Publikationen

Elvers, P., Fischinger, T., & Steffens, J. (MS in preparation). Music listening as self-enhancement: Empowering music boosts self-esteem.