"Sweet Sounds" - Verbalisierung/Konzeptualisierung von Musik, Klang und ästhetischem Erleben

Musik ist selten allein. Seit jeher steht sie in vielfacher Weise mit Sprache in Kontakt. Die Verbindung von Musik und Sprache, zwischen Praxis und Philosophie, sei die „stabilste Partnerschaft“ unter allen künstlerischen Medien (Grüny, 2012), aber auch die „traditionsreichste Analogie“ der Musikwissenschaft (Störel, 1997). Musikalisches wird auf Sprache bezogen, wie Sprachliches auf Musik. Die Frage nach der Ähnlichkeit und Verschiedenheit dieser Modalitäten des Ausdrucks steht historisch ferner auf einer Linie mit den Versuchen der jeweiligen Bestimmung beider.

Eine Art, diese Beziehung zu befragen, ist, die Rede über Musik selbst zu betrachten. Auch wenn sich unter ‚Musik‘ im Einzelnen sehr Verschiedenes und darin unterschiedlich Gemeintes verbirgt, herrscht die weit verbreitete Auffassung, ‚Musik‘ entziehe sich dem sprachlichen Zugang. Das Verstehen und Formulieren dessen, was sie auszeichne, was an ihr wahrnehmbar und erlebbar sei, führe das semantische Potential der Sprache schnell an seine Grenzen. Verbalisierung von Musik stellt sich in diesem Sinne als ein mehr oder weniger „vergebliches Streben nach dem Erfassen des begriffslosen Musikdenkens in einen begrifflichen Code“ dar (Karbusicky, 1989). Diese zum Topos gewordene „Unsagbarkeit“ führe dazu, zwischen „technischer Strukturbeschreibung“ und „poetischer Hermeneutik“ das Eigentliche im Metaphorischen zu verfehlen; ein Argument, das Eduard Hanslick veranlasste, Musik jeglichen „Inhalt“ jenseits „tönend bewegter Form“ abzusprechen: „Die Frage nach dem »Was« des musikalischen Inhaltes müsste sich notwendig in Worten beantworten lassen, wenn das Musikstück wirklich einen »Inhalt« (einen Gegenstand) hätte. Denn ein »unbestimmter Inhalt«, den sich jedermann als etwas anderes denken kann, der sich nur fühlen, nicht in Worten wiedergeben lässt, ist eben kein Inhalt in der genannten Bedeutung.“ (Hanslick, 1854) Sprechen über Musik ist offensichtlich ein Problem, oder es ist keines, zumindest kein besonderes, denn als solches unterscheidet es sich aus bestimmter Perspektive kaum von dem generellen Problem, über etwas zu sprechen, was nicht vor uns liegt: „lt is the same problem as the problem of speaking at all, which is not a problem that has ever caused anyone in normal circumstances to stop speaking.” (Kramer, 2013) Unabhängig davon, was an Musik zum Ausdruck gebracht werden kann, soll oder sollte, sind die Formen der sprachlichen Auseinandersetzung und Kommunikation außerordentlich breit gefächert, so dass kaum zu bezweifeln ist: „people speak about music just as often and easily as they do about language or indeed about anything at all.“ (Zbikowski, 2013) Seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kann dem Sprechen über Musik ein weiteres „Problem“ hinzugefügt werden, das man mit Albrecht Wellmer (2009) als ein „sich in die Musik einmischendes Sprechen“ umschreiben kann. Dieses zeichne sich dadurch aus, dass die gewählte Rede, je nach Kontext, auch für die Musik selbst nicht ohne Folgen bleibt; dass ferner die Form des Ausdrucks in Bezug auf ein Gemeintes „in der Musik“ und die Art des sprachlichen Diskurses „über die Musik“ bis zu einem bestimmten Grad konstitutiv sind für das „Hören“ eines musikalischen „Inhalts“ oder „Ausdrucks“ selbst. Sprache, die sich auf diese Weise an das Klingende und Wahrgenommene richtet, kann somit nicht schlichtweg als „aesthetic response“ gesehen werden, wie beispielsweise das ästhetisch-affektiv wertende „Schön!“. Vielmehr greift sie dem potentiell in der Musik Wahrnehmbaren konzeptualisierend bzw. kategorisierend voraus. Ferner fordert es das kreative Sprachvermögen in hohem Maße heraus – sowohl auf der Seite der Produktion, dem Verbalisieren von musikalisch Wahrgenommenen und ästhetisch Erlebtem, als auch auf Seite der Rezeption, dem Decodieren dessen und Rückbinden an die Vorstellung über die verbalisierte Musik. Vor diesem Hintergrund besteht die sprachliche Kreativität nicht nur darin, „möglichst treffende Formulierungen innerhalb bestehender Gattungen zu finden“, sondern „immer auch in der Etablierung neuer Weisen des Sprechens über Musik“ (Grüny, 2012).

Das Dissertations-Projekt „Sweet Sounds“ untersucht die Form und Funktion der Sprache bei der Verbalisierung ästhetischen Erlebens von Musik, deren Eigenschaften bzw. Qualitäten. Anhand von Textkorpora aus Musikästhetik, -presse und Online-Formaten soll mit qualitativ-quantitativen Methoden der linguistischen Korpusanalyse der Frage nachgegangen werden, welche verbalen Konzepte, Kategorien und diskursiven Faktoren hierbei wirksam sind. Darüber hinaus zielt das Projekt darauf ab, Häufigkeiten und Muster des Sprachgebrauchs musikbezogenen Schreibens herauszustellen sowie bereichsspezifische konzeptuelle Metaphern zu beschreiben.

Externer Forschungspartner: Christian Bär