Poetischer und rhetorischer Sprachgebrauch

Poetischer Sprachgebrauch ist nach Roman Jakobsons Modell (1960) nicht auf Literatur oder gar Poesie beschränkt. Er ist ebenso in alltäglicher Sprache und besonders prägnant auch in kommerziellen Werbungen und politischen Slogans zu finden. Unser Forschungsbereich 1 untersucht Merkmale und Wirkungen poetischen und rhetorischen Sprachgebrauchs in einer Vielzahl von Textarten. Er hat drei Schwerpunkte:

1. Deskriptive Merkmale, Muster und Maße poetischen und rhetorischen Sprachgebrauchs

Im Ausgang von der rhetorischen Theorie der Tropen und Figuren auf allen Ebenen der Sprache (Phonologie, Prosodie, Syntax, Morphologie, Semantik) entwickeln mehrere Projekte Analytiken und auch quantitative Maße für das „Poetische“ der Sprache. Diese sollen grundsätzlich von einer Dreiwort-Formel über Sprichworte und Gedichte bis zu Prosarhythmen Anwendung finden können. Der Fokus der Forschungen liegt auf zwei Typen linguistischer Merkmale und ihrer häufigen Interaktion:

  • Gesteigerte Selbstreferenz und Rekursivität poetischer Sprache: In Weiterentwicklung von Jakobsons Hypothese (1960), dass poetische Sprache phänomenologisch durch verstärkte Ausrichtung auf sich selbst (statt nur auf ihre Inhalte) und linguistisch durch fortgesetzte „parallelistische“ Muster gekennzeichnet sei, untersuchen wir Phänomene gesteigerter perzeptueller Ordnung und Rekursivität von Sätzen und Texten und entwickeln ein deskriptives Raster sowie ein quantitatives Maß für optionale linguistische Phänomene, welche den poetischen Selbst-Fokus und die gesteigerte linguistische Rekursivität von Sätzen, Versen und ganzen Texten konstitutieren.
  • Poetische Lizenz: Der zweite Fokus sind wahrgenommene Abweichungen vom üblichen Sprachgebrauchs, die linguistische Ordnungserwartungen nicht über-, sondern untererfüllen, in bestimmten Kontexten aber als „poetische Lizenzen“ (Quintilian), d.h. als erlaubte Erwartungsverletzungen toleriert werden.

2. Die kognitive, affektive und ästhetische Prozessierung poetischen und rhetorischen Sprachgebrauchs

Die antike Rhetorik bietet zahlreiche improvisierte Hypothesen zu den Wirkungen poetisch-rhetorischen Sprachgebrauchs an. Die meisten dieser hypothetischen Wirkungen sind bislang nicht mit den heute verfügbaren empirischen Methoden untersucht worden. Komplementär zur Dominanz semantischer Figuren (Metapher, Übertreibung, Ironie) in der jüngeren Forschung untersuchen wir primär die kognitiven, affektiven und ästhetischen Effekte phonologischer, prosodischer, morphologischer und syntaktischer Merkmale poetisch-rhetorischen Sprachgebrauchs.

3. Ästhetische Bewertungskategorien

Von zentraler Bedeutung für jede empirische Erforschung ästhetischer Prozessierung ist die sprachliche Kategorisierung ästhetischer Bewertungsdimensionen. Unsere Forschungen zielen auf eine Textarten-spezifische Ausdifferenzierung geeigneter sprachlicher Terme. Im Sinne von Fechners „Ästhetik von unten“ ermitteln wir die Kategorien, die nicht-professionelle Leser für ihre ästhetischen Wertungen verwenden. Komplementär berücksichtigen wir Experten-Vokabulare und führen einzelne Fallstudien durch.

Aktuelle Projekte

In einer Vielzahl von Studien untersuchen wir die behavioralen und physiologischen Effekte sowie die neuronalen Korrelate der zahlreichen Merkmale parallelistischer Diktion

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Das Forschungsprojekt untersucht die Prozessierung ästhetisch relevanter Sprachmerkmale beim Lesen von Gedichten und literarischen Erzählungen.

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Dichter sind seit der Antike vielfach als „Sänger“ bezeichnet worden. Das romantische Verständnis des Gedichts als „Lied“ hat Analogien mit der Musik auch für die Moderne traditionsbildend gemacht.

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Die lateinische Rhetorik sah in der kunstvollen Rhythmisierung ein wirkungsmächtiges künstlerisches Merkmal dichterischer, philosophischer und rednerischer Prosa; sie kam aber über die Vers-analoge Identifizierung einzelner metrischer Gruppen nicht hinaus und hatte keine Möglichkeit, komplexe nicht-lineare Wiederholungsmuster zu identifizieren.

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Das Projekt untersucht experimentell distinktive Muster prosodischer Gruppenbildung und Zäsursetzung in Heinrich von Kleists Erzählungen.

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Das Projekt untersucht die Frage, ob subjektiv erlebte Absorption im Lesen von Texten mit bestimmten Blickbewegungsmustern eingeht und insofern "objektiv" gemessen werden kann.

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Unterscheiden sich freudige und traurige Gedichte auf phonologischer Ebene?  Inwiefern kann n man von „phonologischer Ikonizität“ – einem Zusammenhang zwischen Klang und emotionaler Bedeutung – in der Lyrik ausgehen?

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Romane, die explizite Darstellungen von Sexualität und Körperlichkeit beinhalten, erfreuen sich seit langem großer Beliebtheit. In den letzten Jahren haben sich große digitale Fangemeinden gebildet, deren Mitglieder sich über das Lesen erotischer Bestseller austauschen. Dieser Boom wirft eine Vielzahl an Fragen auf:

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Die Augen gelten als „Fenster zur Seele“. Sie sind nicht nur Sinnesorgane, sondern reflektieren in ihren Bewegungen auch subjektive innere Zustände der Personen, insbesondere den Fokus ihrer Aufmerksamkeit und emotionale Zustände. 

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Dieses Forschungsprojekt untersucht Verarbeitungseffekte sprachlicher Abweichungen in lyrischen Texten und insbesondere deren Beitrag zur ästhetischen Bewertung.

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Diese Studie untersucht mit Hilfe von EEG die neuronale Verarbeitung von Verben, die körperliche Bewegungen in metaphorischen und buchstäblichen Kontexten bezeichnen.

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Publikationen des Forschungsbereichs

Menninghaus, W., Wagner, V., Wassiliwizky, E., Jacobsen, T., & Knoop, C. A. (2017). The emotional and aesthetic powers of parallelistic diction. Poetics, 63, 47-59.  doi:10.1016/j.poetic.2016.12.001

Kraxenberger, M., & Menninghaus, W. (2016). Emotional effects of poetic phonology, word positioning and dominant stress peaks in poetry reading. Scientific Study of Literature, 6(2), 298-313.  doi:10.1075/ssol.6.2.06kra

Kraxenberger, M., & Menninghaus, W. (2016). Mimological Reveries? Disconfirming the Hypothesis of Phono-Emotional Iconicity in Poetry. Frontiers in Psychology, 7(1779). doi:10.3389/fpsyg.2016.01779

Knoop, C. A., Wagner, V., Jacobsen, T., & Menninghaus, W. (2016). Mapping the aesthetic space of literature from "below". Poetics, 56, 35-49. doi:10.1016/j.poetic.2016.02.001

Obermeier, C., Kotz, S. A., Jessen, S., Raettig, T., von Koppenfels, M., & Menninghaus, W. (2015). Aesthetic appreciation of poetry correlates with ease of processing in event-related potentials. Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience. doi:10.3758/s13415-015-0396-x

Menninghaus W., Bohrn I., Knoop C. A., Kotz S., Schlotz W., Jacobs A. (2015). Rhetorical features facilitate prosodic processing while handicapping ease of semantic comprehension. Cognition, 143, 48–60. doi.org/10.1016/j.cognition.2015.05.026.

Aryani, A., Kraxenberger, M., Ullrich, S., Jacobs, A. M., & Conrad, M. (2015). Measuring the Basic Affective Tone of Poems via Phonological Saliency and Iconicity. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, No Pagination Specified. doi:10.1037/aca0000033

Lehne, M., Engel, P., Rohrmeier, M., Menninghaus, W., Jacobs, A. M., Koelsch, S. (2015). Reading a suspenseful literary text activates brain areas related to social cognition and predictive inference. PLoS ONE, 10(5), e0124550. doi:10.1371/journal.pone.0124550.

Menninghaus, W., Bohrn, I. C., Altmann, U., Lubrich, O., & Jacobs, A. M. (2014). Sounds funny? Humor effects of phonological and prosodic figures of speech. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 8(1), 71–76. doi:10.1037/a0035309.

Obermeier, C., Menninghaus, W., von Koppenfels, M., Raettig, T., Schmidt-Kassow, M., Otterbein, S., & Kotz, S. A. (2013). Aesthetic and emotional effects of meter and rhyme in poetry. Frontiers in Psychology, 4(10), 1-10. doi:10.3389/fpsyg.2013.00010.

Bohrn, I. C., Altmann, U., Lubrich, O., Menninghaus, W., & Jacobs, A. M. (2013) „When we like what we know - A parametric fMRI analysis of beauty and familiarity.“ Brain and Language,  124, 1-8. doi:10.1016/j.bandl.2012.10.003