12. April 2018

Ästhetisches Gefallen an den Augenbewegungen ablesbar

Anhand von Sprichworten und Sprichwort-ähnlichen Sätzen, die experimentell mit Rücksicht auf Grade der Bekanntheit und Anwesenheit versus Fehlen metrischer Prosodie modifiziert wurden, zeigt diese Studie, dass sowohl die Pupillenöffnung als auch die Fixationsdauer von Augenbewegungen von der ästhetischen Wahrnehmung und Bewertung der Sätze moduliert werden.

Die ästhetische Bewertung der Sätze wurde durch einen kognitiven Faktor, in den Ratings für “Prägnanz” und “Bekanntheit” eingingen, und durch einen affektiven Faktor (= Ratings für „Schönheit“ und „Gefallen“) ermittelt. Höhere Werte für den kognitiven Faktor sagen kürzere Fixationsdauer und kleinere Pupillenöffnungen voraus, höhere Werte für den affektiven Faktor dagegen größere Pupillenöffnungen. Die am besten gefallenden Sätze zeigen hohe Werte für beide Faktoren und daher teilweise antagonistische Effekte auf die Pupillenweitung. Wir erklären diesen komplexen Effekt der experimentell modifizierten Variablen durch Rekurs auf ein theoretisches Modell poetischer und rhetorischer Sprache (Menninghaus et al., 2015 Cognition). Dieses Modell sagt eine komplexe und nicht-lineare Interaktion erschwerter semantischer Verarbeitung (als Folge ungewöhnlicher Wortformen und ungewöhnlicher Syntax, die oft mit der Verwendung poetischer und rhetorischer Stilmerkmale einhergehen), erleichterter (besser fließender) Prosodie und ästhetischem Gefallen voraus.

Frühere Forschungen hatten bereits Augenbewegungskorrelate der ästhetischen Wahrnehmung und Bewertung von Gemälden und Musik untersucht. Unsere Studie zeigt erstmals, dass die Analyse von Augenbewegungen auch ein objektives und relativ leicht erhebbares Mass für ästhetisches Gefallen an Sätzen liefern kann. 

Die Studie wurde im Journal of Visionveröffentlicht – Hideyuki, H. & Menninghaus, W. (2018). The eye tracks the aesthetic appeal of sentences. Journal of Vision, 18(3):19 – und kann über folgenden link direkt eingesehen werden: 

http://jov.arvojournals.org/article.aspx?articleid=2677576

Original Publikation

Hoshi, H., & Menninghaus, W. (2018). The eye tracks the aesthetic appeal of sentences. Journal of Vision, 18(3), 1–22.Doi: 10.1167/18.3.19

Kontakt

Hideyuki Hoshi

Department of Language and Literature, Max Planck Institute for Empirical Aesthetics, Frankfurt/Main

Email: hideyuki.hoshi@ae.mpg.de