19. Mai 2017

Die Macht der Poesie

Seit Jahrtausenden begleitet poetische Sprache den Menschen. Auch heute begegnen wir auf der ganzen Welt Formen poetischer Sprache – sei es in kulturellen, rituellen, erzieherischen oder akademischen Kontexten. Die Gründe für diese weite Verbreitung liegen in der emotionalen Kraft der poetischen Sprache. Doch eben diese Kraft bleibt bis heute weitestgehend unerforscht. In einer groß angelegten Studie untersuchten wir die körperlichen, neuronalen und verhaltensrelevanten Reaktionen auf bewegende Gedichte. Als Indikator starken Bewegtseins wurde die Entstehung von Gänsehaut herangezogen, die mit einer eigens dafür gebauten Kamera, der Goosecam, erfasst wurde. Wir fragten zunächst, ob es überhaupt möglich ist, von einem rezitierten Gedicht so stark bewegt zu werden, dass eine Gänsehaut entsteht. Und wenn ja, welche körperlichen und neuronalen Veränderungen gehen damit einher?


Unsere Ergebnisse zeigen, dass Gänsehautmomente nicht nur bei selbst mitgebrachten Lieblingsgedichten ausgelöst werden können, sondern sogar bei solchen Gedichten, die zum ersten Mal gehört wurden. Durch die Messung der Aktivität einzelner Gesichtsmuskeln fanden wir außerdem heraus, dass Gänsehautmomente von Gesichtsausdrücken begleitet werden, die auf das Erleben negativer Emotionen schließen lassen. Gleichzeitig fanden wir jedoch in denselben Momenten Aktivierungen des Belohnungssystems im Gehirn. Wie passen diese Befunde zusammen? Die Antwort ist in der Beschaffenheit der Emotion zu suchen, die wir untersucht haben: Bewegtsein. Es handelt sich hierbei um einen gemischten Gefühlszustand, den bereits Friedrich Schiller als „gemischte Empfindung des Leidens und der Lust an dem Leiden“ beschrieben hatte. 225 Jahre später finden wir in unserer Studie physiologische Evidenz für Schillers Definition.


Schließlich verrät die Verteilung der Gänsehautmomente über Gedichte hinweg auch etwas über die Mechanismen der poetischen Sprache. So fanden wir zum einen, dass Gänsehautmomente bevorzugt in Redesituationen (z.B. in wörtlicher Rede) ausgelöst wurden, was die Bedeutung der sozialen Komponente in bewegenden Szenarien unterstreicht. Zum anderen häuften sich die Gänsehautmomente am Ende einzelner Verse, einzelner Strophen und vor allem des ganzen Gedichts. Die Antwort für diese Endlastigkeit liegt in den Prinzipien der poetischen Sprache begründet. Poetische Metren (regelhafte Abfolge von betonten und unbetonten Silben im Vers, oft verbunden mit geregelter Anzahl der betonten Silben) erwecken starke Erwartungshaltungen beim Zuhörer. Das Vorhersagesystem im Gehirn (das große Überlappung mit dem Belohnungssystem aufweist) prüft kontinuierlich, inwiefern ein Gedicht die Erwartungen, die es selbst aufbaut, erfüllt oder verletzt. Besonders stark sind diese Erwartungen an Schlusspositionen, da diese das Auftreten einer Pause (nach Vers- oder Strophenende) oder gar des Gedichtendes antizipieren und oft durch das Reimschema zusätzlich noch verstärkt werden. Auch die inhaltliche Choreographie von Gedichten trägt zu Erwartungen an eine finale Lösung oder Zuspitzung bei. Dichter wissen offenbar mit solcher Kraft auf der Klaviatur unserer Gefühle und Erwartungen zu spielen, dass sie uns insbesondere am Ende von Spannungsbögen einen Schauer über den Rücken laufen lassen können.

 

Originalpublikation (open access):

Wassiliwizky, E., Koelsch, S., Wagner, V., Jacobsen, T., & Menninghaus, W. (2017). The emotional power of poetry: neural circuitry, psychophysiology, compositional principles. Social cognitive and affective neuroscience. doi 10.1093/scan/nsx069

 

Kontakt:

Eugen Wassiliwizky

Sprache & Literatur
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt am Main 

+49 69 8300479-114

eugen.wassiliwizky@ae.mpg.de

 

Dr. Anna Husemann
Forschungskoordination/PR
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt am Main

+49 69 8300479-650

anna.husemann@ae.mpg.de