23. Mai 2018

Reim und Metrum machen Sätze (oft) zweideutiger

Reim und Metrum erhöhen die prosodische Eingängigkeit und Merkbarkeit von Sätzen. Sie schränken aber gleichzeitig Wahl und Kombination der Worte ein. Gereimte und metrische Verse zeigen deshalb regelmäßig ungewöhnliche Wortstellungen und Wortformen. In einer früheren Studie (Menninghaus et al., 2015 Cognition) gingen Metrum- und Reim-getriebene Gewinne anSchönheit, Prägnanz und Überzeugungskraft deshalb mit reduzierten Werten für Verständlichkeits-ratings einher.

Unsere neue Studie vertieft die Diagnose der Reim- und Metrum-bedingten Erschwerung des Verstehens auf doppelte Weise. Zum einen misst sie die erhöhte kognitive Anstrengung nicht allein durch subjektive Selbstberichte, sondern zeigt konvergierende Resultate für Lesegeschwindigkeit. Zum anderen führt sie den Nachweis, dass ein großer Teil der Reim- und Metrum-bedingten Verständnisschwierigkeiten speziell als Effekte gesteigerter Ambiguität zu verstehensind. Wir liefern damit eine erste empirische Bestätigung für Roman Jakobsons spekulative Hypothese (1960), dass die „poetische Funktion“ der Sprache erhöhte Ambiguität begünstigt.

Originalpublikation:

Wallot, S., & Menninghaus, W. (2018). Ambiguity Effects of Rhyme and Meter. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition. Advance online publication. Doi: 10.1037/xlm0000557

Kontakt:

Prof. Dr. Winfried Menninghaus

Direktor der Abteilung Sprache und Literatur
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt am Main
+49 69 8300479-101

Marilena Hoff

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
marilena.hoff@ae.mpg.de
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