23. September 2024

Fördert Tanzen die Kreativität?

Silhouette einer Person mit erhobenen Armen

Tanzbewegungen können die Kreativität bei „Alternate Uses Task“-Aufgaben beflügeln. (Bild: MPI für empirische Ästhetik / L. Bittner)

Leeres-Blatt-Syndrom? Theorien in der Kreativitätsforschung besagen, dass eine Pause für die kreative Lösung von Problemen förderlich sein kann. Doch was sollte man während dieser Pausenzeit – auch „Inkubationszeit“ genannt – tun, um sie so effizient wie möglich zu gestalten? Ein Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main hat herausgefunden, dass Tanzen zu kreativeren Ergebnissen führt – besonders, wenn die Tanzbewegungen den Bewegungen ähneln, die zur Problemlösung erforderlich sind.

Das Team untersuchte die Wirkung von je vier Inkubationsaufgaben auf vier Aufgaben, bei denen kreative Antworten gefragt waren. Die 83 Studienteilnehmer:innen bekamen die Aufgaben in zufälliger Reihenfolge ausgespielt, wobei die Inkubationszeit jeweils direkt auf die Fragestellung der Kreativaufgabe erfolgte. Die Kreativitätsaufgaben drehten sich um die alternative Verwendung von Gegenständen, wie beispielweise: „Zählen Sie so viele ungewöhnliche Verwendungen einer Tasse auf, wie Ihnen einfallen. Sie haben 2 Minuten Zeit.“ Aufgaben dieser Art werden „Alternate Uses Task“ (AUT) genannt. Neben der Tasse wählten die Forscher:innen einen Ziegelstein, ein Blatt Papier und eine Büroklammer als weitere Gegenstände.

Die Inkubationszeit betrug je fünf Minuten. Mit einer reinen Ruhepause und einer Zahlenaufgabe wählten die Forscher:innen zwei klassische Inkubationsaufgaben und verglichen diese mit zwei tanzbasierten Aufgaben: der Nachahmung von Armbewegungen aus dem Ballett sowie der Imitation von Bewegungen aus dem Iranischen Tanz. Das Team stellte fest, dass die Teilnehmer:innen nach den Tanzaufgaben kreativer waren als nach der Ruhepause und dem Lösen der Zahlenaufgaben, wobei die kreativsten Antworten nach dem Iranischen Tanz erfolgten. Besonders eindeutig war dieses Ergebnis im Zusammenhang mit der Büroklammer, mit der insgesamt die kreativsten Lösungen gefunden wurden.

„Im Iranischen Tanz gibt es diese sehr geschwungenen, filigranen Fingerbewegungen, die es im Ballett nicht gibt. Wir vermuten, dass diese Bewegungen das motorische System im Gehirn aktivieren könnten, das für die Finger zuständig ist. Dadurch könnte die Kreativität bei Objekten, die feinmotorisch mit den Fingern zu bearbeiten sind, wie z.B. eine Büroklammer, zunehmen, und bei Objekten, die mehr Armkraft erfordern, wie z.B. ein Ziegelstein, nicht“, erklärt Erstautorin Julia F. Christensen vom MPIEA.

Diese Ergebnisse unterstreichen einerseits die Bedeutung von Bewegung für unsere kognitiven Prozesse und andererseits die Notwendigkeit, in zukünftigen Studien mehr über die neuronalen Mechanismen zu erfahren, die Kreativität steigern. Darüber hinaus eröffnen die Erkenntnisse neue Wege für die weitere Forschung zum positiven Einfluss von (Tanz-)Bewegungen auf kognitive Prozesse. Die Studie wurde im Fachmagazin Journal of Cognitive Enhancement veröffentlicht.

 

Ein Video zum Pilotexperiment dieser Studie finden Sie  hier.
Das Pilotexperiment fand 2019 im Rahmen des Tate Exchange Events Moving Bodies am Tate Modern in London statt.

Videos der beiden Tanz-Inkubationsaufgaben mit der Tänzerin und Co-Authorin Sharzad Khorsandi finden Sie hier:

Iranischer Tanz

Ballet

 

Originalpublikation:

Christensen, J. F., Muralikrishnan, R., Münzberg, M., Castaño Manias, B., & Vessel, E. A. (2024). Can 5 Minutes of Finger Actions Boost Creative Incubation? Journal of Cognitive Enhancement. Advance online publication. https://doi.org/10.1007/s41465-024-00306-0

Ansprechpartnerin:

Julia F. Christensen

 


 

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