Musik und Genetik
Die Forschung auf dem Gebiet der Musikgenetik hat in den letzten zehn Jahren stark an Dynamik gewonnen. Ein Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main hat kürzlich einen Artikel im Open-Access-Fachjournal Neuroscience & Biobehavioral Reviews veröffentlicht, der einen gut strukturierten Überblick über die Thematik bietet.
Die Übersicht besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil bietet einen historischen Abriss über die verhaltensgenetische Forschung. Er zeigt, wie Zwillings- und Genotypdaten verwendet werden können, um genetische Einflüsse auf individuelle Unterschiede im menschlichen Verhalten zu untersuchen. Anschließend geben die Autor:innen einen Überblick über das Gebiet der Musikgenetik, von seinen Anfängen bis hin zu groß angelegten Zwillingsstudien und den jüngsten, ersten molekulargenetischen Studien zu musikbezogenen Merkmalen. Im zweiten Teil der Übersicht diskutieren die Forscher:innen den breiteren Nutzen von Zwillings- und Genotypdaten über die Schätzung der Erblichkeit und die Identifizierung von Genen hinaus.
Zwillingsstudien zeigen übereinstimmend, dass musikalische Fähigkeiten und musikbezogenes Verhalten eine beträchtliche genetische Grundlage haben (durchschnittlich etwa 42 Prozent). Dabei scheint die Genetik einen größeren Einfluss auf Begabung oder individuelle Unterschiede in musikalischen Fähigkeiten zu haben als auf Unterschiede in musikalischer Leistung oder musikalischem Engagement. Zudem scheint der genetische Einfluss mit zunehmendem Alter zu steigen und bei Männern etwas größer zu sein als bei Frauen.
Die molekulargenetische Forschung hat gerade erst begonnen, spezifische Gene zu identifizieren, die für musikbezogene Merkmale relevant sind, und viele Studien zur Genidentifizierung sind durch kleine Stichproben und Replikationsprobleme eingeschränkt. Neuere molekulargenetische Forschungen zeigen jedoch, dass der genetische Einfluss auf musikbezogene Merkmale viele genetische Varianten umfasst, von denen jede einen kleinen Effekt hat, und dass es erhebliche genetische Überschneidungen zwischen verschiedenen musikbezogenen Merkmalen gibt.
Die Übersicht schließt mit vier Beispielen, die zum einen zeigen, wie Musikstudien Licht auf Fragen von breitem wissenschaftlichem Interesse werfen können. Zum anderen veranschaulichen sie, wie Musikforscher:innen genetisch informative Proben über die Schätzung der Erblichkeit oder die Identifizierung genetischer Loci hinaus nutzen können. Darüber hinaus demonstrieren die vier Beispiele, wie Forscher:innen anhand von Musikstudien Phänomene analysieren können, die für die Verhaltensgenetik und die Verhaltens- und Neurowissenschaften im Allgemeinen von großem Interesse sind. Dazu zählen beispielsweise sensible Perioden beim Erwerb von Fertigkeiten, die Bedeutung des Umfelds in der Kindheit für den Erfolg im Erwachsenenalter und die Beziehungen zwischen Freizeitaktivitäten und Gesundheit.
Insgesamt unterstreichen die bisherigen Forschungsergebnisse, wie wichtig es für die Erforschung von Musik und anderen kulturell erworbenen Verhaltensweisen ist, sowohl umweltbedingte als auch genetische Faktoren – und insbesondere deren Wechselwirkungen – zu untersuchen.
Originalpublikation:
Wesseldijk, L. W., Ullén, F., & Mosing, M. A. (2023). Music and Genetics. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 152, 105302. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2023.105302
Ansprechpartner:innen:
Laura Wesseldijk
Fredrik Ullén
Miriam A. Mosing



