06. Februar 2026

Wie Konzertformate das Musik-Erleben beeinflussen

Fünf Musiker auf der Bühne, die Instrumente spielen. Der Hintergrund ist Schwarz mit Mikrophonen, im Vordergrund sind Silhouetten des Publikums.

Konzerte im Rahmen der Forschung: Mit Fragebögen, physiologischen Messungen und Kameras wurden das individuelle Erleben und Verhalten des Publikums erfasst. Foto: Phil Dera

Immer wieder entwickeln und testen Orchester und Festivalveranstalter:innen neue Konzertformate für klassische Musik. Doch haben diese überhaupt eine Wirkung auf das Publikum? Ein Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main und der Universität zu Köln konnte erstmals nachweisen, dass unterschiedliche Konzertformate das subjektive Erleben, das Verhalten sowie die Körperreaktionen des Publikums messbar beeinflussen. Besonders ausgeprägt waren diese Effekte bei Formaten, die sich deutlich vom konventionellen Format unterschieden. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Humanities and Social Sciences Communications veröffentlicht.

Insgesamt nahmen 802 Personen an der Studie teil, die aus elf Kammermusikkonzerten mit denselben drei Streichquintetten bestand, die jedoch mit unterschiedlichen Formatkomponenten realisiert wurden. Mithilfe von Fragebögen, physiologischen Messungen und Kameras wurden das individuelle Erleben und Verhalten erfasst. Dazu maßen die Forscher:innen unter anderem die Herzfrequenz, werteten Emotionen aus, die sich über den Gesichtsausdruck zeigten und erhoben die Bewertung, das Gemeinschaftserleben und weitere Erlebensdimensionen.

„Wir haben festgestellt, dass das ästhetische Erleben und die Herzfrequenz je nach Format am empfindlichsten reagierten. Die Wertschätzung für die Musik sowie für deren Darbietung hingegen blieb über alle gezeigten Formate hinweg weitgehend unbeeinflusst“, berichtet Erstautorin Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin am MPIEA.

Die Konzerte fanden in Berlin im Pierre-Boulez-Saal und im Radialsystem statt – zwei Konzertsälen, die sich markant in architektonischen, visuellen und akustischen Merkmalen sowie hinsichtlich des Komforts und der Programmgestaltung unterschieden. Darüber hinaus gab es Unterschiede zwischen den drei Ensembles und in der musikalischen Programmgestaltung. Es zeigte sich, dass ein hochwertiger Konzertsaal ein stärkeres Eintauchen in das Geschehen begünstigte. Den Studienteilnehmer:innen fiel es zudem leichter, sich emotional auf die Musikstücke einzulassen, wenn der oder die Moderator:in ihre Bedeutung auf zugängliche und persönliche Weise erklärte. Auch steigerte dies die Toleranz gegenüber zeitgenössischen Werken. Des Weiteren deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass ein intensives musikalisches Erleben nicht unbedingt mit einem starken Gemeinschaftserleben einhergeht – sondern potenziell in Konkurrenz dazu steht.

„Im Austausch mit Intendant:innen, Konzertmanager:innen, Musiker:innen und Student:innen könnten die Ergebnisse der Studie künftig genutzt werden, um die Formate den Bedürfnissen des Publikums anzupassen. Das klassische Konzert, über dessen existenzielle Krise seit geraumer Zeit diskutiert wird, ließe sich so attraktiver gestalten“, schließt Wald-Fuhrmann.

Die Studie ist Teil des umfassenden Forschungsprojekts „Experimental Concert Research“, in dessen Rahmen die Forscher:innen Erkenntnisse über das Musik-Erleben im Konzert gewinnen möchten, wobei sie einzelnen Aspekten wie Musik, Hörkontext oder Eigenheiten der Hörer:innen Rechnung tragen. Mit den Ergebnissen mehrerer experimenteller Live- sowie gestreamter Konzerte möchte das Team ein größeres, empirisch gestütztes Modell des Musik-Erlebens im Konzert etablieren.

 

An der Studie waren folgende Institutionen beteiligt:

Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt am Main

Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover

Universität zu Köln

 

Originalpublikation:

Wald-Fuhrmann, M., Herget, A.-K., Kreuzer, M., & Egermann, H. (2026). Concert Formats Influence How Audiences Experience Live Classical Music. Humanities & Social Sciences Communications, 13, Article 160. https://doi.org/10.1057/s41599-025-06461-9

 

Ansprechpartnerin:

Melanie Wald-Fuhrmann

 


 

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