Unser Gehirn erkennt musikalische Strukturen auch in anspruchsvollen Kontexten
Verstehen und erinnern wir Musikstücke hauptsächlich anhand eines regelmäßigen Aufbaus – oder erkennt unser Gehirn auch komplexere musikalische Strukturen? Mit dieser Frage hat sich ein Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) beschäftigt. Die Forscher:innen untersuchten, wie Menschen musikalische Phrasen wahrnehmen – also einzelne Abschnitte von Musikstücken, die als Entsprechung von Sätzen in der gesprochenen Sprache aufgefasst werden können. Dabei zeigte sich: Auch wenn musikalische Phrasen zeitlich unregelmäßig aufgebaut sind, können Hörer:innen deren Struktur zuverlässig erkennen. Durch EEG-Messungen konnten sie zudem belegen, dass unser Gehirn musikalische Strukturen unabhängig von ihrer zeitlichen Vorhersagbarkeit verarbeitet. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift European Journal of Neuroscience veröffentlicht.
Insgesamt 35 Personen nahmen an der Studie teil. Die Forscher:innen ließen sie komplexe Themen von Johann Sebastian Bach anhören und zeichneten ihre Gehirnaktivität mit Hilfe von Elektroenzephalografie (EEG) auf. Zum Einsatz kamen zwei Arten von Melodien: eine mit regelmäßig aufgebauten, zeitlich vorhersehbaren Abschnitten und eine mit unterschiedlich langen, unregelmäßig strukturierten Sequenzen. Beide Varianten enthielten jedoch dieselben musikalischen Hinweise auf Übergänge zwischen den Abschnitten – etwa harmonische Wendungen oder Veränderungen in der Melodieführung. Der entscheidende Unterschied lag darin, ob diese Übergänge in konstanten zeitlichen Abständen auftraten. Zusätzlich gab es eine Kontrollversion, bei der die Noten in zufälliger Weise neu angeordnet wurden, wodurch die ursprüngliche musikalische Struktur verändert wurde. Die Teilnehmer:innen hörten die Musik zunächst aufmerksam an, während ihre Gehirnaktivität gemessen wurde. In einem zweiten Durchlauf sollten sie angeben, wann sie das Ende eines musikalischen Abschnitts wahrnahmen.
„Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Teilnehmer:innen erkannten musikalische Phrasen sowohl in regelmäßigen als auch in unregelmäßigen Mustern ähnlich gut und deutlich besser als in der Vergleichsbedingung mit zufällig gemischten Tonfolgen.“, erklärt Seniorautorin Pauline Larrouy-Maestri vom MPIEA.
Auch die EEG-Daten zeigten Unterschiede: Rund um die Phrasengrenzen stieg die Gehirnaktivität bei den ersten beiden Testdurchläufen deutlich an. Dies deutet darauf hin, dass die Studienteilnehmer:innen musikalische Strukturen während des Hörens aktiv verfolgten beziehungsweise antizipierten, anstatt lediglich auf das Gehörte zu reagieren. Die Proband:innen waren weder Musiker:innen noch verfügten sie über tiefere Fachkenntnisse klassischer Musik. Dennoch waren sie in der Lage, Melodien zuverlässig zu analysieren und dabei den Regeln der Musiktheorie zu folgen. Das spricht dafür, dass die Wahrnehmung musikalischer Strukturen nicht unbedingt eine formale musikalische Ausbildung voraussetzt, sondern eher durch den alltäglichen Umgang mit Musik geprägt wird.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschen ein implizites Verständnis für musikalische Strukturen entwickeln – allein dadurch, dass sie in einer von Musik geprägten Umgebung aufwachsen“, schließt Seniorautorin Pauline Larrouy-Maestri. „Die Fähigkeit, musikalische Phrasen zu erkennen und zu gliedern, scheint somit tief im kulturellen Musikerleben verankert zu sein.“
Originalpublikation:
Hołubowska, A., Z., Teng, X., Larrouy-Maestri, P. (2026). Neural and Behavioral Tracking of Musical Phrases Occurs Without Temporal Regularity. European Journal of Neuroscience. https://doi.org/10.1111/ejn.70481
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