11. Juni 2026

Vortrag von Wolf-Georg Zaddach (Macromedia Hochschule Berlin)

Der Vortrag befasst sich mit einem aktuellen Thema, das für die Perspektiven der empirischen Ästhetik im 21. Jahrhundert von großer Relevanz ist: generative künstliche Intelligenz in der musikalischen Praxis. Zunächst werde ich den Stand der Forschung vorstellen, einschließlich der Ergebnisse meiner eigenen empirischen Untersuchungen zum Einsatz von KI in Kontexten der Komposition/des Songwritings und der Improvisation. Es wird deutlich werden, dass im Bereich der Musik mittlerweile eine Bandbreite generativer KI zu beobachten ist, die sowohl konkrete künstlerische Kooperationen von Künstlern mit KI als auch die vollständige Generierung von Musik und Klang umfasst, ohne dass Vorkenntnisse und Erfahrungen in Musiktheorie, Komposition oder Musikproduktion erforderlich sind. Darüber hinaus werden weitere Beispiele für zukünftige Formen der Co-Kreativität, wie beispielsweise kollaborative Live-Auftritte mit KI-basierten Robotern, näher beleuchtet.
 
Im zweiten Teil des Vortrags möchte ich das Thema stärker kontextualisieren und vor dem Hintergrund der vorgestellten Erkenntnisse einen ganzheitlicheren Ansatz für das Musizieren, die Musikrezeption und die Musikforschung entwickeln. Dazu werden soziologische, posthumanistische und dekoloniale Ansätze herangezogen sowie das relativ neue Forschungsparadigma der künstlerischen Forschung, das für die Musikforschung im 21. Jahrhundert von großer Relevanz ist. Das daraus resultierende Verständnis von musikalischer Praxis als räumlich und zeitlich verortet und grundlegend kollaborativ – in einem Netzwerk von Akteuren und Aktanten wie Mitmusikern, Instrumenten oder Digital Audio Workstations (DAW) – sollte für den Kontext der Gen-KI weiterentwickelt werden. Eine solche Perspektive ermöglicht es dann einerseits, ein breiteres Verständnis von Kreativität zu entwickeln. Andererseits ermöglicht dies auch eine kritische Auseinandersetzung mit generativer KI, die sich im Prozess der Konvergenz mit und der Disruption bisheriger Praktiken des Musizierens sowie einer wachsenden selbstreferenziellen Autonomie befindet – und damit die Relevanz und zukünftige Form der musikalischen Praxis und Ästhetik grundlegend in Frage stellt.
 

Wolf-Georg Zaddach (PhD) ist Professor für Musikproduktion und Songwriting an der Macromedia Hochschule Berlin. Er hat Musikwissenschaft, Musikmanagement, Neuere Geschichte und Jazzgitarre studiert und entsprechende Abschlüsse erworben. Seine Forschungsaktivitäten reichen von künstlerischer Forschung über Musik und ökologische Krisen, Jazz und Heavy Metal sowie Musik im Staatssozialismus bis hin zu künstlicher Intelligenz im kreativen Prozess. Darüber hinaus ist er als Musiker, Komponist und Produzent tätig.